Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 68 von Mathias Bröckers

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 68

Als ich unlängst auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf war, kam es mir da sehr laut vor. Weil das nicht an unserer schweigsamen Trauergemeinde lag, fragte ich einen Friedhofsgärtner, was das für merkwürdige Geräusche seien: „Das kommt von da drüben“, meinte er und zeigte die Richtung, „Willy Brandt rotiert im Grab.“

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 68

8. Februar 2023

 

Als ich unlängst auf dem Waldfriedhof in Zehlendorf war, kam es mir da sehr laut vor. Weil das nicht an unserer schweigsamen Trauergemeinde lag, fragte ich einen Friedhofsgärtner, was das für merkwürdige Geräusche seien: “Das kommt von da drüben”, meinte er und zeigte die Richtung, “Willy Brandt rotiert im Grab.” Angesichts des aktuellen Zustands der deutschen Außenpolitik war das keine Überraschung, “Nie wieder” war die Botschaft, für die er den Friedensnobelpreis bekommen hatte.  Während ich in die gezeigte Richtung ging schien es mir tatsächlich lauter zu werden und als ich mir diesen Unfug gerade ausredete, dröhnte es unüberhörbar an mein Ohr: “Wir schaffen  es, ohne Waffen SS!”
Aber das war nicht die Stimme von Willy, sondern das Organ eines anderen großen Berliners, der auf dem Waldfriedhof zwar seine letzte Ruhestätte gefunden hatte, jetzt aber schnauzte wie zu besten Lebzeiten: Wolfgang Neuss. Unter dem Parteivorsitzenden Brandt war er damals aus der SPD geflogen, weil er als Kriegsgegner für die “Deutsche Friedens Union” Werbung gemacht hatte, jetzt aber waren sich die benachbarten Geister völlig einig: mit deutschen Waffen gegen Russland zu marschieren, ist eine ethische und moralische Verkommenheit ohnegleichen, ein Spucken auf mehr als 20 Millionen Gräber. Und die übelsten Kriegstreiberinnen – Baerbock und Strack-Zimmermann – grinsen dazu derart in die Kamera, dass man sich wünscht, zur Geisterstunde mögen alle Sensenmänner ihren Gräbern entsteigen und diese Brut hinwegfegen. Ein für allemal. “Nie wieder!”

Als Erstwähler hatte ich 1972 selbstverständlich Willy gewählt und war einige Wochen zuvor sogar bei der SPD eingetreten – “Nie wieder Krieg” und “Mehr Demokratie wagen” entsprach meinen Vorstellungen genauso wie die Wahlkampf-Forderung, die Verhandlung für Kriegsdienstverweigerung, auf die ich mich gerade vorbereitete, abzuschaffen. Kaum war jedoch die SPD gewählt, verkündete der neue Verteidigungsminister Schorsch Leber, dass die gerichtsartigen Prüfungen der pazifistischen Gesinnung (“Ein bewaffneter Russe bedroht ihre Freundin. Was tun Sie?”) beibehalten werden. Ich schickte mein zerrissenes Parteibuch mit einem bösen Brief zurück. Bei meinem Freund und Meister Wolfgang Neuss lernte ich dann zehn Jahre später, dass man Politikern immer nur so weit trauen sollte wie man seine Waschmaschine werfen kann. Er hatte sich 1943 an der “Ostfront” bei Rschew selbst in die Hand geschossen, weil er nicht weiter auf Russen schießen wollte: “Selbstverstümmelung ist eine gute Friedensbewegung!” sagte er später dazu und: “Die Angst trieb mich zum Fortschritt”.
Dass die oben genannten Damen Deutschland unverhohlen in den Krieg treiben und Russland karnevalesk mit einem “Volkssturm” drohen können – den das Regime in Kiew mit der Einberufung von 16-60-Jährigen übrigens gerade zum Verheizen rekrutiert – hat allein damit zu tun, dass sie keine Angst haben müssen. Wenn sie zwei, drei Tagen im Artilleriefeuer an der Donbass-Front lebend überstehen, wären sie mit Sicherheit kuriert. Weiterlesen bei mathias.broeckers.com

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