War der Putschversuch nur eine Show, um von etwas anderem abzulenken? Von Thomas Röper

War der Putschversuch nur eine Show, um von etwas anderem abzulenken?

Was wäre, wenn der „Putschversuch“ in Wahrheit eine Show war, mit der die Gegner Russlands verwirrt werden sollten, mit der Putin illoyale Personen in Russlands Behörden und Regierungskreisen ausfindig machen wollte, und in Wahrheit davon abgelenkt werden sollte, dass die Wagner-Truppen sich darauf vorbereiten, von Weißrussland aus in die Ukraine vorzustoßen?

Offene Fragen

War der Putschversuch nur eine Show, um von etwas anderem abzulenken?

Von Thomas Röper

26. Juni 2023

Nachdem der Putschversuch vom Samstag beendet wurde, gab es verschiedene Meldungen, die „nicht ins Bild passen“. Darüber werde ich hier berichten, weise aber gleich darauf hin, dass sehr vieles, worüber ich hier berichte, spekulativ ist.

Die Stammleser des Anti-Spiegel wissen, dass ich mich immer auf Fakten berufe und ausgesprochen ungerne spekuliere. Und die Stammleser des Anti-Spiegel wissen auch, dass ich kein Problem damit habe, Irrtümer einzugestehen, wenn neue Fakten zeigen, dass ich mit einer Einschätzung falsch gelegen habe.

Das ist nicht oft passiert, aber es ist vorgekommen, ich erinnere an meinen vorsichtigen Standpunkt zur Pandemie, den ich in den ersten Monaten 2020 vertreten habe (wofür ich von vielen Lesern kritisiert wurde) und dann komplett revidieren musste. Ich stütze mich bei meinen Analysen auf bekannte Fakten (nicht auf Spekulationen) und wenn neue Informationen bekannt werden, kann das eben auch zu einer Änderung meiner Einschätzung führen.

Ich habe am Wochenende berichtet, wie ich den Putschversuch von Prigoschin erkläre und grundsätzlich bleibe ich bisher bei meiner Meinung, weil es zu wenig belastbare Fakten gibt, die in einer andere Richtung deuten. Aber es gibt ausgesprochen interessante Hinweise, über die ich zumindest berichten will.

War der „Putschversuch“ eine Show?

Was wäre, wenn der „Putschversuch“ in Wahrheit eine Show war, mit der die Gegner Russlands verwirrt werden sollten, mit der Putin illoyale Personen in Russlands Behörden und Regierungskreisen ausfindig machen wollte, und in Wahrheit davon abgelenkt werden sollte, dass die Wagner-Truppen sich darauf vorbereiten, von Weißrussland aus in die Ukraine vorzustoßen?

Das klingt erst einmal vollkommen irrsinnig und ich sage ausdrücklich nicht, dass es so war. Aber es gibt Hinweise, die zumindest in diese Richtung deuten.

Wo ist Schoigu?

Es war auffällig, dass Schoigu seit Beginn des „Putschversuches“ nicht mehr öffentlich aufgetreten ist. Man müsste doch meinen, dass der Verteidigungsminister in der Situation am Samstag aktiv gewesen sein müsste und sich auch an seine Soldaten gewandt haben sollte. Aber nichts dergleichen ist passiert, Schoigu ist aus der Öffentlichkeit verschwunden.

Unterdessen melden irgendwelche Telegram-Kanäle, Schoigu sei angeblich verhaftet worden. Nur um das deutlich zu sagen: Das können Falschmeldungen sein, niemand bestätigt das und woher die Kanäle ihre Informationen haben, bleibt deren Geheimnis. Aber ich frage mich, warum das russische Verteidigungsministerium keine aktuelle Erklärung von Schoigu zeigt, um alle Spekulationen zu zerstreuen.

Das russische Verteidigungsministerium hat am Montag zwar ein Video davon veröffentlicht, wie Schoigu Truppen inspiziert und sich mit Generälen trifft, aber das Video ist wahrscheinlich eine Konserve. Vor allem ist merkwürdig, dass das Video ohne Ton veröffentlicht wurde, was bedeutet, dass es weiterhin keinerlei Erklärung von Schoigu zu den Vorfällen vom Wochenende gibt.

Nur die Sprecher des Verteidigungsministeriums treten öffentlich auf und verkünden, gerade so, als sei am Wochenende nichts anderes passiert, ihre Berichte über die Kampfhandlungen mit den ukrainischen Streitkräften.

Wo ist Wagner?

Die nächste interessante Meldung ist, dass die Wagner-Truppen offenbar nicht in ihre Stützpunkte zurückgekehrt sind. Am Sonntag standen die Wagner-Kolonnen noch immer am Straßenrand der Autobahn Moskau-Rostow, auf der sie am Samstag Richtung Moskau unterwegs waren. Videos der stehenden Kolonnen findet man überall in sozialen Netzwerken und auch Alina Lipp, die am Sonntag auf derselben Autobahn von Rostow nach Moskau gefahren ist, davon Bilder veröffentlicht.

Dabei ist ein weiteres Detail interessant. Die Autobahn ist eine Mautstrecke, aber alle Zahlschranken waren geöffnet. Offenbar wurden die Zahlschranken abgeschaltet, als die Wagner-Kolonnen Richtung Moskau unterwegs waren, um den Vormarsch nicht zu stören und um zu verhindern, dass die Wagner-Kolonnen einfach die Schranken durchbrechen. Und sie wurden – zumindest am Sonntag – nicht wieder eingeschaltet. Um die Wagner-Kolonnen auf ihrem Weg (wohin auch immer) nicht zu stören?

Inzwischen gibt es viele Meldungen darüber, dass zumindest Teile der Wagner-Truppen nach Weißrussland verlegt werden. Offiziell bestätigt ist nichts, aber die Meldungen halten sich hartnäckig.

Will Kiew verhandeln?

Über eine besonders merkwürdige Meldung habe ich am Sonntag berichtet. Alexej Danilow, der Chef des ukrainischen Sicherheitsrates, eine der einflussreichsten Figuren in der Ukraine, hat erklärt, er schließe Friedensverhandlungen unter Teilnahme (oder meinte er Vermittlung?) von Lukaschenko nicht aus.

Die Meldung ist eine Sensation, denn das offizielle Kiew verweigert bisher alle Gespräche mit Russland und der ukrainische Präsident Selensky hat Verhandlungen mit Russland Ende September per Dekret verboten und unter Strafe gestellt. Aber die Erklärung von Danilow hatte keinerlei Folgen. Warum nicht?

Hinzu kommt eine ganz aktuelle Meldung, die ich bei der russischen Nachrichtenagentur TASS gefunden habe. Die TASS hat berichtet, dass die ARD über streng geheime Gespräche in Kopenhagen berichtet hat. Dabei sollen Vertreter des Westens und Kiews mit Vertretern der BRICS über Friedensverhandlungen gesprochen haben, die demnach schon im Juli beginnen sollen.

Atomwaffen in Weißrussland

Ein weiterer Zufall ist es, dass Russland und Weißrussland in diesen Tagen bekannt gegeben haben, dass russische taktische Atomwaffen in Weißrussland stationiert wurden. Offiziell war das eine Reaktion auf die Ansammlung von NATO-Truppen in Polen, nahe der weißrussischen Grenze, und auf die extrem gestiegenen Aktivitäten der Luftwaffen der NATO-Staaten an der Grenze zu Weißrussland. Lukaschenko warnt seit Monaten davor, dass die NATO versuchen könnte, einen Putschversuch in Weißrussland zu organisieren und diese Gelegenheit nutzen könnte, mit Truppen in Weißrussland einzumarschieren.

Wenn man aber das Timing des „Putschversuches“ von Prigoschin und die danach gemeldeten Verlegungen von Wagner-Truppen nach Weißrussland bedenkt, dann könnte man auch auf die Idee kommen, dass Wagner von Weißrussland aus in die Ukraine marschieren könnte. Die NATO könnte darauf nicht militärisch reagieren, weil sie in dem Fall befürchten müsste, dass die in Weißrussland stationierten Atomwaffen zum Einsatz kommen.

Die Ukraine in der Zange

Sollte das so sein, dürfte deren Ziel nicht Kiew sein, sondern die Grenzregionen zu Polen, um den Nachschub westlicher Waffen für die Ukraine zu unterbinden.

Da ein solches Vorgehen von Wagner ukrainische Truppen binden würde, wäre die ukrainische Gegenoffensive damit beendet, weil Truppen aus dem Donbass gegen Wagner in Marsch geschickt werden müssten. Das allerdings könnte dazu führen, dass Russland im Donbass eine Offensive startet und die ohnehin geschwächten Kiewer Truppen überrennen könnte.

Russlands Geduld ist am Ende

Gerade habe ich eine Eilmeldung veröffentlicht, weil ich das, was in russischen Medien derzeit verkündet wird, als letzte Warnung an den Westen verstehe, die Eskalation zu beenden. Russische Medien diskutieren den Einsatz einer taktischen Atombombe gegen Polen, um dem Westen klarzumachen, dass Russlands Geduld am Ende ist. Nur so, meinen einige russische Experten, lässt sich noch verhindern, dass sich die Ukraine-Krise zu einer Konfrontation mit der NATO und zu einem globalen Atomkrieg aufschaukelt.

Der Grund ist, dass Kiew offen davon spricht, dass es beim AKW-Saporoschschje die Kühlwassertanks angreifen will. Ein Ausfall der Kühlung würde zu einem Super-Gau führen.

Ich will an dieser Stelle nicht darauf eingehen, dass westliche Medien den Unsinn aus Kiew nachplappern, Russland habe die Kühlwasserbecken des AKW vermint und könnte sie selbst sprengen. Das ist Unsinn und wurde von den Experten der Internationalen Atomenergiebehörde, die vor Ort sind, nicht bestätigt. Damit, dass die westlichen Medien das verschweigen und stattdessen die Lügen aus Kiew nachplappern, disqualifizieren sie sich ein weiteres Mal und bestätigen, dass sie keine objektiven Medien, sondern reine Instrumente der US-Kriegspropaganda sind.

Russland würde einen schweren Angriff auf das AKW offenbar als nuklearen Angriff der NATO werten, so verstehe ich das, was die russischen Medien gestern und heute berichtet haben.

Und nun?

Ich wiederhole: In diesem Artikel habe ich viel spekuliert und ich setze keineswegs darauf, dass das alles tatsächlich so ist. Aber ich wollte Ihnen mitteilen, dass es durchaus die Möglichkeit und dass es zumindest gewisse Anzeichen dafür gibt, dass der „Wagner-Putsch“ nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver gewesen ist, mit dem Russland die Verlegung der Wagner-Truppen verschleiern und illoyale Personen in den russischen Führungsetagen ausmachen wollte.

Dass russische Medien ausgerechnet seit Sonntag über den Einsatz von taktischen Atomwaffen spekulieren und offen davor warnen, passt ins Bild eines als Ablenkungsmanöver geplanten „Putsches“. Ich weiß inzwischen ein wenig darüber, wie Fernsehen funktioniert und ich bin ziemlich sicher, dass der lange Beitrag vom Sonntag über den möglichen Atomwaffeneinsatz vor den Ereignissen von Samstag vorbereitet wurde.

Sollte das, was ich mir hier „zusammenfantasiert“ habe, einen wahren Kern haben, dürften wir das sehr bald erfahren. Weiterlesen im anti-spiegel.ru

1 Kommentar zu War der Putschversuch nur eine Show, um von etwas anderem abzulenken? Von Thomas Röper

  1. Schoigu wurde gestern bei milit. Lagebesprechungen gezeigt und ist heute zur Lagebesprechung der Sicherheitsbehörden eingeladen. Prigoschins Aufstand richtete sich ja gegen ihn. Seine Verhaftung wäre wohl nur in Rostov möglich gewesen, davon hätte man aber erfahren. Nein, ich halte nichts von den obigen Spekulationen. Eine Truppenverlegung nach Weißrussland wäre anders jederzeit möglich gewesen. Wahrscheinlich aber hat Lukaschenko die Gelegenheit ergriffen, um die Wagnertruppen gegen Bedrohungen aus dem Ausland einsetzen zu können. Gestern zeigte die Tagesschau Exilkräfte, die eine bewaffnete Rückkehr nach Weißrussland vorbereiten.

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