Israel und der Völkermord von Moshe Zuckermann

Dank an Moshe Zuckermann für die Genehmigung der Veröffentlichung auf der Hochblauen  Seite, seines  heute  auf Overton  publizierten Artikels

Israel und der Völkermord

Kann aus dem Shoah-Trauma der Juden der Drang zu Eroberung abgeleitet werden?

Israel und der Völkermord

von

 

In Den Haag wurde die Anklage des Genozids zwar angenommen, aber die von Südafrika verlangte Einstellung des Militäreinsatzes wurde nicht verhängt. Allerdings geht es um eine umfassendere Frage, die unerörtert geblieben ist.

 

Die vom IGH getroffene Vorentscheidung des Prozesses in Den Haag, bei dem Israel von Südafrika angeklagt wurde, im Gazakrieg einen Genozid an den Palästinensern zu begehen, ist von vielen in der israelischen Öffentlichkeit aufatmend zur Kenntnis genommen worden; man beglückwünschte dabei die “brillante Arbeit”, die das israelische Verteidigungsteam geleistet habe.

Der von Israel nach Haag geschickte Richter, Prof. Aharon Barak, der in den Monaten vor der “Justizreform” von Januar 2023, vor allem aber während des unter dieser verlogenen Bezeichnung versuchten Staatsstreichs, sich den ruchlosesten und giftigsten Anfeindungen durch die Regierungskoalition und ihre Anhänger ausgesetzt sah, galt nun vielen (im liberalen Lager) als Held des Tages. Andere taten den Haager Prozess insgesamt als eine Farce ab. “Haag-Schmaag” tönte der kahanistische israelische Polizeiminister Itamar Ben-Gvir, für den jedwede Kritik an Israel immer schon nur antisemitisch sein kann. Er bediente sich dabei der jiddischen rhetorischen Wendung, die durch das Hinzufügen eines “Schm” am Anfang eines Begriffs Herabwürdigung bzw. dezidierte Verachtung zu indizieren trachtet.

Das Gros der etablierten und sozialen Medien in Israel reagierte jedoch auf die schiere Tatsache, dass Israel vors Haager Gericht gezerrt und des Völkermordes geziehen wurde, mit unverhohlener Indignation. Beredten Ausdruck verlieh dem Premierminister Benjamin Netanjahu, als er auf einer Pressekonferenz am 27. Januar sagte: “Nichts ist absurder, als dass gerade gestern, am Vorabend des internationalen Holocaust-Gedenktages, es Menschen gab, die nach Den Haag gekommen sind, um gegen uns die lügnerische und empörende Anklage eines Völkermordes zu erheben.”

Auch Aharon Barak bemühte sich in seiner richterlichen Schlussrede (in der Mindermeinung) um eine abschmetternde Zurückweisung der Anklage und bediente sich dabei einer biblischen Metapher: “Südafrika hat ungerechtfertigterweise versucht, die Sünde Kains Abel zuzuschieben.” Nun, brillante Rhetorik, aber ziemlicher Quatsch. Zurecht reagierte der Haaretz-Publizist B. Michael mit einer Richtigstellung der realen Verhältnisse: “Diesmal gibt es überhaupt keinen Abel in der Geschichte. Es gibt nur zweimal Kain. Einen hamasischen Kain, der ein Bande von religiös geschlagenen, hemmungslosen Mördern ist, und einen israelischen Kain, der ein erobernder Staat ist, dessen Grausamkeit sich selbst immer wieder an Bösartigkeit übertrifft, und dessen Verhältnis zu Menschenrechten und internationalem Recht sich wie das zu Ärgernissen ausnimmt, die Verachtung und grobe Übertretung verdienten.”

Aber das Problem des Konnex von Israel und grausamer Täterschaft geht über die Triftigkeit der Anklage in Den Haag bei weitem hinaus. Denn zu fragen gilt es zwar in der Tat, wie es komme, dass ein Staat, der sich als “historische Antwort” auf Auschwitz sieht, eine fortdauernde brutale Gewaltpraxis gegen die von ihm okkupierten Palästinenser betreibt; aber eben nicht, um eine indignierte Zurückweisung jeglichen Vorwurfs des Genozids zu generieren (Israel betreibt keinen Genozid, das ist schon auch an dieser Stelle gesagt worden; es ist schon schlimm genug, was Israel derzeit in Gaza anrichtet, man braucht dafür nicht den Begriff des Völkermords zu bemühen). Es geht vielmehr darum zu klären, wie es um die Einstellung dieses Staates zur Geschichtskatastrophe des Volkes, als dessen Zufluchtsstätte er sich begreift, bestellt ist.

Eine Antwort darauf ist bekannt. Sie bezieht sich auf die Wiederholbarkeit der geschichtlichen Katastrophe und manifestiert sich im emphatisch-entschlossenen Slogan “Nie wieder!”. Und damit dies Postulat eingehalten werden kann, basiert man auf dem Axiom, dass alles gestattet sei, damit dies auch garantiert werde. Vieles in der israelischen Sicherheitsdoktrin und dem auf ihrer Grundlage entfalteten zionistischen Militarismus hat darin seine Wurzel – wobei die Shoah mutatis mutandis zum Argument verkommt, das jederzeit als Rechtfertigungsgrund für alles, was Israel praktiziert, ideologisch instrumentell eingesetzt werden kann.

Nicht von ungefähr führte Netanjahu die Shoah (bzw. den Gedenktag an den Holocaust) an, um darzulegen, wie absurd es sei, Israel mit Genozid zu assoziieren. Den Haag rührte gleichsam die Grundfeste der Staatsräson Israels an – man nehme Israel das Shoah-Argument weg, kehre es mithin gegen Israel, und schon fühlt es sich vor dem großen Nichts des Absurden gestellt. Gibt es Israel, mag man sich fragen, gibt es den Zionismus überhaupt ohne die Shoah? Der politische Zionismus existierte zwar schon vor dem historischen Katastrophenereignis, aber er war primär aus dem Geist der Reaktion auf den sich verbreitenden europäischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert geboren. Shoah und Antisemitismus sind bis zum heutigen Tag Grundpfeiler der zionistischen Hasbara geblieben.

Und doch – es gibt in diesem Zusammenhang eine weitere zu beachtende Dimension, die über das Abstrakte der Ideologie hinausgeht, wiewohl sie im jetzigen israelischen Diskurs fast völlig ausgespart bleibt. Denn der Zionismus verstand sich schon in seiner Frühzeit nicht nur als Garant der Verteidigung und des Schutzes für die Juden, sondern erwies sich nicht minder auch als Kollektivsubjekt der Expansion und Eroberung. Man kann den israelisch-palästinensischen Konflikt, einen seinem historischen Wesen nach territorialen Konflikt, nicht begreifen, ohne diesen aggressiven Zug der zionistischen Ideologie mitzubedenken.

Israels nunmehr über ein halbes Jahrhundert währende Okkupation der palästinensischen Territorien (die hermetische Blockade des Gazastreifens muss mit dazugerechnet werden) und die mit dieser Okkupation zwangsläufig einhergehende permanente Knechtung des palästinensischen Kollektivs, die Beraubung seines Selbstbestimmungsrechts, die permanenten Vergehen gegen Menschenrechte, die mörderische Brutalität der Verwaltungspraxis der Besatzung im Alltag – dies alles ist der Kontext, der den hamasischen und den israelischen Kain hat aufeinanderprallen lassen, auch am 7. Oktober und danach.

Nun stellt sich die Frage: Gibt es eine Verbindung zwischen der Katastrophenideologie des israelischen Zionismus und seinem historische generierten Drang zur (territorialen) Expansion? Anders gefragt: Kann aus dem Shoah-Trauma der Juden der Drang zu Eroberung abgeleitet werden? Die Frage kann nicht mit eindeutiger Evidenz beantwortet werden. Aber sollte da ein Kausalnexus bestehen, müsste man sich fragen, ob darin die Einstellung des israelischen Staates zur Geschichtskatastrophe des jüdischen Volkes zu sehen sei bzw. ob sich darin die “Lehre” manifestiere, welche die zionistischen Juden aus ihrem geschichtlichen Katastrophenschicksal gezogen haben. Wenn dem so wäre, müsste man unweigerlich einsehen, dass die gegen Israel erhobene Anklage des “Völkermordes” weniger absurd sei, als von Netanjahu postuliert. Es geht nämlich nicht um den manifesten Völkermord (den begeht man nicht so schnell), sondern um die fundamentale Frage, ob das Opfer sich in einen Täter gewandelt habe; ob also in der von Anbeginn praktizierten Selbstviktimisierung der zionistischen Juden Israels bereits die Tendenz zur Täterschaft in all ihrer Dimensionen gesteckt habe.

Mit Gewissheit kann das nicht behauptet werden. Aber die unverhältnismäßig rabiate israelische Gewaltreaktion auf die Hamas-Barbarei, welche von nahezu allen jüdischen Israelis gutgeheißen und unterstützt wird, lässt auf eine solche Möglichkeit schließen. Und wenn von Expansion die Rede ist: Wie hat man es zu verstehen, dass Itamar Ben-Gvir und andere Minister seiner und der Likud-Partei in dieser Woche ein von Tausenden von Anhängern bejubelte Veranstaltung organisiert haben, bei der lauthals und unter Freudentänzen die Forderung artikuliert wurde, den gesamten Gazastreifen zu erobern, die palästinensischen Bewohner aus ihm zu vertreiben und jüdische Siedlungen in ihm zu errichten, gleichsam als ersehnte Rückkehr in das Gebiet, aus dem man (auf Initiative von Ariel Sharon) im Jahre 2005 “vertrieben” worden war? Man nenne es, wie man will – es geht um ethnische Säuberung zwecks Expansion (s.a.: Rechte Regierungsmitglieder fordern „freiwillige Auswanderung“ der Palästinenser).

Nun kann man einwenden, es handle sich um eine randständige Minorität, die das fordert, es sei keine offizielle Politik der israelischen Regierung. Man bedenke nur: Premierminister Netanjahu hat das faschistische Event beschwiegen; man erinnere sich zudem: In den 1970er Jahren hat die jüdische Besiedlung des Westjordanlandes in ähnlicher Weise begonnen (heute bevölkern es rund 700.000 Siedler); und auch dies: Itamar Ben-Gvir wird bei den nächsten Parlamentswahlen ein großer Wählerzulauf vorausgesagt.

Es ist kaum zu vermitteln: Im 20. Jahrhundert haben die Juden am Faschismus Monströses erlitten, horrendeste Erfahrungen gemacht. Nichts läge näher, als dass gerade sie ihn mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Kraft und Macht bekämpften. Mit einem solchen Kampf würden sie der Opfer von Auschwitz wirklich gedenken. Das wäre ihr wahres “Nie wieder!”. Stattdessen hat sich die Regierung ihres Landes, das sich als historische Antwort auf die Shoah versteht, im Jahre 2023 (und letztlich nicht erst da) dem Faschismus verschrieben. Ohne es beabsichtigt zu haben, hat dies der Prozess in Den Haag auf den Punkt gebracht.

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