Die drei Techniken von Selenskijs PR-Maschine

Die drei Techniken von Selenskijs PR-Maschine

In nur wenigen Wochen verwandelte die ukrainische Presse die „uneinnehmbare Festung“ Soledar in ein „unbedeutendes Dörfchen“. Worin besteht der Sinn solcher abrupten Veränderungen in der Präsentation von Informationen, an welches Publikum ist diese gerichtet und was sind die grundlegenden Mechanismen der militärischen PR-Maschine von Selenskij Büro im Allgemeinen?

 

„Das Scheitern in Erfolg verwandeln“

 

Die drei Techniken von Selenskijs PR-Maschine

Eins muss man den aktuellen Machthabern in Kiew lassen: Informationell und propagandistisch haben sie ihre Bevölkerung gut im Griff und auch die Öffentlichkeitsarbeit nach außen erreicht die gesetzten Ziele. Die Tageszeitung Wsgljad hat einen Blick in Kiews PR-Küche geworfen.
Die drei Techniken von Selenskijs PR-MaschineQuelle: Gettyimages.ru © Sergii Kharchenko/NurPhoto

In nur wenigen Wochen verwandelte die ukrainische Presse die „uneinnehmbare Festung“ Soledar in ein „unbedeutendes Dörfchen“. Worin besteht der Sinn solcher abrupten Veränderungen in der Präsentation von Informationen, an welches Publikum ist diese gerichtet und was sind die grundlegenden Mechanismen der militärischen PR-Maschine von Selenskij Büro im Allgemeinen?

So formulierte Alexej Arestowitsch in russischer Sprache die Situation bezüglich des Verlusts von Soledar durch die ukrainischen Streitkräfte (AFU):

„Die Situation ist unter unserer Kontrolle, und wir treffen den Entscheid, wie wir vom Verteidigungsgesamtplan ausgehend am besten vorgehen. Wenn wir also Soledar aufgeben, handelt es sich nicht um eine Flucht oder eine Umzingelung, sondern um eine geplante Maßnahme des Kommandos.“

Es war eine seiner letzten Amtshandlungen, bevor er als Berater des ukrainischen Präsidialamtes (im Folgenden UPA) seinen Posten verlor.

Gleichzeitig hatte das AFU-Kommando bis zum Morgen des 17. Januar den Verlust der Stadt noch immer nicht anerkannt, obwohl zahlreiche Filmaufnahmen der objektiven Kontrolle den Übergang der Kontrolle bewiesen. Um den Eindruck zu erwecken, dass Soledar nicht verloren ist, kam die AFU-Propaganda sogar auf die Idee, ein in der Stadt gedrehtes Video der PMC Wagner zu stehlen und mit einer eigenen Tonspur zu belegen. „Damit füttern sie ihr Auditorium“, sagt der Militärexperte Boris Roshin.

Die Erschaffung von Illusionen gehört zu den Trumpfkarten der militärischen PR-Maschine der AFU. Nach dem Machtantritt von Wladimir Selenskij und anderen Spezialisten des Studios „Kwartal-95“ hat die ukrainische PR-Maschinerie deutlich an Kreativität gewonnen. Unter den Experten wird darüber gewöhnlich gespottet, jedoch müssen wir zugeben, dass solche Ansätze funktionieren, insbesondere unter den Bedingungen der abgeriegelten Informationswelt, die in der Ukraine entstanden ist.

„Die mediale Strategie des Gegners besteht darin, drei Tage lang kontinuierlich ein Thema zu propagieren. Sobald die Öffentlichkeit einen Videobeweis für etwas fordert, wird eine neue Fälschung lanciert“,

erklärt Andrei Masalovich, Oberstleutnant der FAPSI im Ruhestand und Präsident des Inforus Consortium.

Parallel zur These „die Stadt ist nicht verloren“ hat das Büro Selenskij zwei weitere Thesen aufgestellt: „dies ist ein geplanter Rückzug“ und „die Stadt hat keine strategische Bedeutung“.

„Offensichtlich wurden diese Thesen bereits im Vorfeld aufgestellt, als das ukrainische Militär seine aussichtslose Lage in dem Gebiet erkannte. Dann kamen die Spezialisten der „Public Relations“ und des „Crisis Management“ ins Spiel“,

sagt Andrei Manoilo, habilitierter Politikwissenschaftler.

Auf diese Weise wurde Soledar, wo die Kampfhandlungen seit August 2022 andauerten, von einer „uneinnehmbaren Festung“ zu einer „Stadt mit 10.000 Einwohnern, die nicht bedeutend ist“, deren Verlust für die AFU eher Erfolg als Niederlage ist, weil „dadurch Personal gerettet wird“. Um diesen Standpunkt zu vermitteln, bedienen sich die ukrainischen Behörden verschiedener Techniken.

Erste Technik: Konservendosen mit Informationen

Die Verbreitung operativer Thesen wird in den Medien immer durch die Freisetzung „konservierter Informationen“ begleitet. Die jeweilige Konservendose wird genau dann geöffnet, wenn die ukrainische Bevölkerung von den Ereignissen an der Front abgelenkt werden soll, erklärt der aus Kiew stammende politische Analyst Alexei Netschajew.

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Am Beispiel von Soledar sieht das Schema folgendermaßen aus. Sobald negative Fakten über die AFU im Netz auftauchten, sorgte Selenskij für eine öffentlichkeitswirksame Schlagzeile: Wiktor Medwedtschuk und seine Kollegen aus der Rada (Parlament) verloren ihre ukrainische Staatsbürgerschaft. In Anbetracht der Figur Medwedtschuk und seiner spezifischen Stellung in den russisch-ukrainischen Beziehungen ist der Zweck der „Konservendose“ klar: Es soll über Medwedtschuk diskutiert werden, nicht über Soledar.

Auf dieselbe Weise nutze Selenskij die Figur Medwedtschuk während der aktiven Kampfphase um Mariupol, als er die Festnahme des Politikers durch die Sicherheitskräfte des SBU bestätigte und verschiedene Optionen für seinen Umtausch anbot. Dieser Austausch fand schließlich doch statt, allerdings im September und unter völlig anderen militärischen und politischen Bedingungen.

In ähnlicher Weise wird die Ankündigung neuer Sanktionslisten genutzt, deren Zeitplan zur Verabschiedung mit den Misserfolgen der AFU zusammenfällt. Darunter fallen vorab erstellte Listen von Personen, welchen Kiew die ukrainische Staatsbürgerschaft entzogen hat oder zu entziehen gedenkt. Während solche Nachrichten für das russische Publikum nicht allzu auffällig sind, werden sie in der Ukraine zu einem Trend.

Die zweite Technik: Segmentierung des Publikums

Manoilo erklärt diese Technik so:

„Das Büro des Präsidenten der Ukraine und andere Strukturen arbeiten erfolgreich an der Segmentierung der Zielgruppen. Für jede Bevölkerungsgruppe innerhalb und außerhalb der Ukraine werden unterschiedliche Materialien, Audio-, Foto- und Videoinhalte erstellt, die den größten Ängsten und Hoffnungen der Menschen Rechnung tragen. Westliche Soziologen haben schon lange vor Beginn der militärischen Spezialoperation daran gearbeitet, unter anderem auch mit dem russischen Publikum als Ziel dieser Segmentierung“.

Laut Netschajew war dafür der Auftritt von Arestowitsch ausgelegt. Dafür verwendete er YouTube-Kanäle von zwei ausländischen Agenten: Mark Feygin und Julija Latynina, deren gemeinsame Zuschauerzahl mehr als 2,5 Millionen Abonnenten beträgt. Hier handelt es sich um eine ernst zu nehmende Nische auf YouTube, wo der Gegner aufgrund des Ausschlusses vieler russischer und prorussischer Kanäle auf der Plattform praktisch keine Konkurrenz hat.

„Gemeinsam mit Arestowitsch arbeitet in demselben Segment sein Kollege Michail Podoljak. Er ist ein regelmäßiger Gast in den Sendungen einiger Medien der Stadt Riga, die sich als russische Presse bezeichnen. Darüber hinaus produzieren beide Sprecher den Löwenanteil der „externen Inhalte“ auf Russisch, auch wenn sie auf ukrainischen Medienplattformen erscheinen. Weshalb die russischen Medien diese nicht auf Ukrainisch kontern, ist eine rhetorische Frage“,

fügt Netschajew hinzu.

Geschickt imitiert Arestowitsch auch die Kritik an den ukrainischen Behörden. So gab er beispielsweise zu, dass ukrainische Soldaten während der Kämpfe um Soledar aus der Stadt geflohen sind, was das Interesse an der vollständigen Fassung seines Interviews weckte. Auf diese Art und Weise zieht er Vertreter verschiedener Zielgruppen in seinen persönlichen „Informationstrichter“, unabhängig von deren politischen Ansichten. Dazu zählt auch seine Aussage, dass die Zerstörung eines mehrstöckigen Gebäudes in Dnepropetrowsk das Ergebnis von Fehlern der ukrainischen Luftabwehr sei. Gerade dieses Eingeständnis kostete ihm letzte Woche seine Karriere, weil der Skandal um seine Äußerungen ihn zu seinem schriftlichen Rücktritt zwang.

Grundsätzlich andere Narrative werden verwendet, um das ukrainische Publikum zu bearbeiten. Unter Bedingungen, bei denen die Fernsehkanäle der Opposition abgeschaltet und alternative Standpunkte von der YouTube-Administration „gestrichen“ werden, kommen Hardcore-Radikale ins Spiel, die 24 Stunden am Tag über „Wendepunkte“ diskutieren und zur „Verbrennung der verdammten Feinde“ aufrufen.

Wiederum für das westliche Publikum wird ein wieder anderes Bild vermittelt. Hier werden die ukrainischen Sprecher als heldenhafte Krieger dargestellt, die kurz vor dem Sieg stehen, wenn sie nur mehr Geld und militärische Ausrüstung erhalten. Dieses Leitmotiv durchzieht jedes Interview und jede Rede Selenskijs und der übrigen Vertreter des offiziellen Kiew.

Einer besonderen Erwähnung wert ist der ukrainische Botschafter in London, Wadym Prystajko, der in einem Interview mit dem Magazin Newsweek ehrlich zugab:

„Wir opfern Menschen. Dadurch hat der Westen die einzigartige Chance: Es gibt nicht viele Nationen auf der Welt, die es sich erlauben würden, so viele Menschenleben, Territorien und Jahrzehnte der Entwicklung zu opfern, um den Erzfeind zu besiegen.“

Die Öffentlichkeitsarbeit im Dienste Selenskijs ist auf drei Hauptrichtungen ausgerichtet: ukrainisch, russisch und westlich.

„Jede von ihnen hat ihre eigene Unterabteilung, ihre eigene Agenda. Alle Referenten sind streng klassifiziert –, einige arbeiten ausschließlich auf Russland ausgerichtet, andere auf das inländische Publikum, wieder andere auf Europa und die USA. Und jede Zielgruppe hat ihre eigene Tonlage, ihre eigene Sprache, ihren eigenen Slang. Stellt euch vor, wie viele Spezialisten diese Maschine am Laufen halten. Dies ist eine umfangreiche, komplexe und äußerst delikate Arbeit“,

erklärt Masalovich.

Die dritte Technik: Das „Scheitern“ in „Erfolg“ verwandeln

Wie die Niederlage der AFU in Soledar zu einem „Sieg“ wurde, ist oben beschrieben. Das ist aber nicht der einzige Fall. Im vergangenen Juli rechtfertigten ukrainische Redner den Verlust von Sewerodonezk und Lissitschansk auf ähnliche Weise. Arestowitsch bezeichnete das Geschehen als „ein Zeichen strategischer Weisheit“, den Bruch mit dem „alten Stereotyp der Roten Armee ‚keinen Schritt zurück'“ und als „die Geburt der nationalen Militärschule“.

Wenn es nicht gelingt, das Scheitern zu einem „Erfolg“ umzudeuten, gibt es das „Extraktionsverfahren“ für diese Fälle. Dieser Begriff wurde vom Selenskij Büro erfunden, um die Verbreitung einer Tatsache in den ukrainischen Medien zu vermeiden, wonach ukrainische Nationalisten und Kämpfer aus „Asow-Stahl“ gefangen genommen werden. So entstand der Mythos von den ukrainischen „Helden von Mariupol“. Heute erinnert sich allerdings kaum noch jemand an sie.

Das Mythologisieren realer oder virtueller Phänomene ist ein weiterer Trumpf. Wsgljad hatte schon erwähnt, dass ein treffendes Beispiel für das Vorgehen des Gegners im Informationskrieg, das Meme vom „russischen Kriegsschiff“ ist, als die Kapitulation der ukrainischen Soldaten mit einem aus dem Zusammenhang gerissenen Satz eines ukrainischen Funkers zur Heldentat umgedeutet wurde.

Unmittelbar nach dem Terroranschlag auf der Krim-Brücke hat der Leiter der ukrainischen Post, Igor Smiljanski, das Muster für eine Briefmarke mit der brennenden Brücke vorgestellt. Im November kündigte er die Herausgabe der Marke „Krim-Brücke, Nachschlag“ an, Anspielung auf eine Wiederholung des Anschlags. In der Nähe der Stadtverwaltung von Kiew wurde eine Foto-Zone mit der Briefmarke im Großformat installiert, die die gesprengte Krim-Brücke zeigt, und Anfang Januar folgte eine Briefmarke mit dem brennenden Kreml.

Übersetzt aus dem RussischenZuerst erschienen bei Wsgljad.

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