Geschichte wird gemacht – oder: Deutschland bastelt sich neue Nazi-Befreier Von Tom J. Wellbrock

Geschichte wird gemacht – oder: Deutschland bastelt sich neue Nazi-Befreier

Gerade in Zeiten der Staatsräson ist die „Aufarbeitung“ des „Nationalsozialismus“ in Deutschland anscheinend besonders wichtig. Was dabei herauskommt, ist eine Kombination aus unterstütztem Massenmord durch Israel und die Weißwaschung der deutschen Geschichte.

Geschichte wird gemacht – oder: Deutschland bastelt sich neue Nazi-Befreier

Von Tom J. Wellbrock

 

Gerade in Zeiten der Staatsräson ist die „Aufarbeitung“ des „Nationalsozialismus“ in Deutschland anscheinend besonders wichtig. Was dabei herauskommt, ist eine Kombination aus unterstütztem Massenmord durch Israel und die Weißwaschung der deutschen Geschichte.
Quelle: Sputnik © Alexander Kapustjanski

 

Wer hat Deutschland von den Nazis befreit? Wir wissen es längst, es waren die Amerikaner. Oder: die Alliierten. Oder die Ukrainer. Aber ganz sicher nicht die Sowjets. So liest man etwa bei der „Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg“ unter der Überschrift „Bilanz des Zweiten Weltkriegs“;

„Die Bilanz des Zweiten Weltkrieges ist erschütternd: Über 60 Millionen Menschen starben, mehr als sechs Millionen europäische Jüdinnen und Juden wurden ermordet. Hunderttausende Sinti und Roma, politisch und weltanschaulich Andersdenkende, Menschen mit Behinderung oder Krankheit, Homosexuelle und weitere Minderheiten wurden verfolgt und getötet. 17 Millionen Menschen waren verschollen. Weite Teile Europas waren zerstört.“

Kein Wort von den Sowjets. Das macht die Konrad-Adenauer-Stiftung der CDU anders, wenn sie auf ihrer Website schreibt:

„Am 8. Mai 1945 wurden nicht nur ganz Europa, sondern gerade auch die Deutschen von der Tyrannei des Nationalsozialismus befreit. Auch die Sowjetunion war an der Befreiung beteiligt, anders als die Westalliierten hatte sie allerdings nicht den Liberalismus, sondern einen neuen Totalitarismus im Gepäck. Angesichts des russischen Überfalls auf die Ukraine zeigt sich nun, dass auch der vermeintliche Sieg des Liberalismus 1989/90 nicht von Bestand war. Die außen- und sicherheitspolitischen Versäumnisse des Westens und besonders auch Deutschlands seither lassen sich damit nicht mehr beiseiteschieben.“

Dankbarkeit klingt anders, aber seit Beginn des aktuellen Ukraine-Krieges wissen wir ja, dass die Russen die Sowjets und die Sowjets die Russen sind, und Gutes hatten die nie im Sinn. Das sollte auch im Jahr 2023, am Tag der Befreiung verdeutlicht werden, als die Tagesschau berichtete:

„Anlässlich des Jahrestages rief Bundeskanzler Olaf Scholz zur Verteidigung des Rechtsstaats auf: ‚Vor 78 Jahren wurden Deutschland und die Welt von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus befreit‘, erklärte der SPD-Politiker auf Twitter. ‚Dafür bleiben wir immer dankbar.‘ Der Jahrestag mahne, dass der demokratische Rechtsstaat ‚keine Selbstverständlichkeit‘ sei. ‚Wir sollten ihn schützen und verteidigen – jeden Tag‘, betonte der Kanzler.“

Auch hier keinerlei Erwähnung der Rolle der Sowjetunion, ohne die es überhaupt keine Befreiung gegeben hätte. Dafür werden Russen im Zitat der Grünen Claudia Roth hier genannt:

„Roth erinnerte zugleich an den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine: ‚Menschen verlieren deshalb ihr Leben, ihre Lieben, ihr Zuhause, und Putins Russland versucht, ihnen ihre gesamte eigenständige Kultur zu nehmen. Für die Propaganda zu diesem verbrecherischen Angriffskrieg missbraucht Putin auch die Erinnerung an den 8. Mai in übelster Form.‘ Dem müsse deutlich entgegengetreten werden, so Roth.“

Wir nähern uns einer aktuelleren Meldung, die sich um ein Interview dreht, das von prominenten Deutschen viel gelobt wurde, wie unter anderem RT DE beschrieb:

„Der britische Autor Douglas Murray trug eine bizarre Erzählung vor: Im Gegensatz zur Hamas hätten sich die Nazis angeblich für ihre Massenvernichtung von Juden geschämt. Der deutsche Gesundheitsminister Karl Lauterbach, Focus-Journalist Jan Fleischhauer und andere teilten das Interview – und lobten es.“

Douglas Murray hatte unter anderem gesagt:

Die SS-Bataillone, die tagein, tagaus Juden in den Kopf schossen und sie in Gräben warfen, mussten sich abends sehr, sehr betrinken, um zu vergessen, was sie getan hatten.“

Das ging in Richtung Palästina, und Murray kam zu der krankhaften Erkenntnis, dass die SS-Bataillone wohl selbst Opfer ihrer Taten gewesen seien, während die Hamas aus reiner Freude töten. Das Prinzip ist so neu aber nicht, schon im Dezember 2020 schrieb Die Welt:

„Dass Soldaten der Roten Armee während und vor allem kurz nach dem Zweiten Weltkrieg massenhaft Frauen vergewaltigten, übrigens nicht nur Deutsche, sondern auch Polinnen und Ungarinnen, ist allgemein bekannt. Ähnliche Verbrechen westlicher Soldaten, die es ebenfalls sicher hunderttausendfach gab, sind nicht annähernd so geläufig, gleichwohl aber nicht weniger tragisch.“

Schon 2020 wusste Die Welt also: Die Soldaten der Roten Armee waren im Kampf gegen die Nazis die übelsten Schurken und Vergewaltiger auf Gottes Erde, die der russischen Armee im Krieg gegen die Ukraine sind es noch heute. Wie wir ja jüngst in einer der zahlreichen deutschen Talkshows erfahren haben, sind es im aktuellen Ukraine-Krieg ausschließlich Russen, die Kriegsverbrechen üben, von Ukrainern sei derlei nicht übermittelt. Am Tag nach der Ausstrahlung der Sendung „Hart aber fair“, in der diese Lüge aufgestellt wurde und nach einer breiten öffentlichen Reaktion wurde zwar zurückgerudert, aber der Geist war aus der Flasche, und darum geht es schließlich.

Die Welt sinniert in ihrem Artikel noch weiter und macht sich Gedanken über den Begriff der „Befreiung“ als solchen:

„Keine Befreiung dagegen war der 8. Mai 1945 für die misshandelten und vergewaltigten Frauen. Und für all jene, die durch Übergriffe und Plünderungen die Wut, ja Rachelust alliierter Soldaten erleben mussten. Erst recht keine Befreiung bedeutete das Kriegsende für die Soldaten und Zivilisten, darunter ebenfalls viele Frauen, die als Zwangsarbeiter in die Sowjetunion kamen.“

Weiter heißt es:

„Befreiung hat außerdem stets zwei Richtungen. Auf die Vergangenheit bezogen – Befreiung vom Nationalsozialismus – ist das Wort für den 8. Mai 1945 treffend. Auf die Zukunft bezogen hingegen nicht, jedenfalls nicht sofort und erst recht nicht für alle Deutschen.“

Und dann folgt die Pointe:

„Denn der Westen gewann mit dem Marshallplan wirtschaftliche Stärke zurück. Und am 23. Mai 1949 trat das Grundgesetz in Kraft – die Bundesrepublik als demokratischer Staat entstand.

Im Osten dagegen mündete die Zerschlagung des nationalsozialistischen Unrechtsregimes in eine neue Form von Abhängigkeit, Kontrolle und Zensur: Grundbesitz wurde umverteilt, Industrieanlagen wurden beschlagnahmt und oft demontiert. Die SPD musste sich unter Druck mit den Kommunisten vereinigen; die neue Staatspartei SED etablierte sozialistische Strukturen. 1949 gründete sich dann die DDR.

So gesehen brachte nicht der 8. Mai 1945 die Befreiung für Deutschland. Sie kam vielmehr im Westen um 1949 und im Osten sogar erst 1989/90.“

Damit sind die Russen raus aus der Nummer der Befreiung.

Mit Ariern hat Deutschland nichts am Hut

Jetzt, da die Sache mit der Befreiung vom Nationalsozialismus ohne Mithilfe der Sowjets geklärt ist, fehlt noch ein ungut anmutender Begriff: Arier.

Über den klärt uns das ZDF mit einem Bild auf:

Von wegen „blond und blauäugig“! Der menschenverachtende Begriff stammt aus Iran, und die deutschen Nazis können nun wirklich nichts dafür, dass er so negativ konnotiert ist. Auch die Antike und die alten Inder werden mit dem Arier in Verbindung gebracht, klärt das ZDF auf. Blondes und blauäugiges Aufatmen überall, der Arier ist nichts, was die deutschen Nationalsozialisten erfunden hätten.

Bevor sich der zuvor angespannte Deutsche aber nun entspannt zurücklehnen kann, muss dem Bild des Weines durch das ZDF mittels eines Zitates aus der „Holocaust Enzyklopädie“ ein kräftiger Schluck Wasser hinzugefügt werden:

Das Wort Arier hat eine lange Geschichte. Ursprünglich bezeichnete es Volksgruppen, die eine Vielzahl von verwandten Sprachen sprachen. Dazu gehörten die meisten europäischen und einige asiatische Sprachen. Mit der Zeit nahm das Wort jedoch neue, andere Bedeutungen an. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert definierten unter anderem einige Gelehrte die Arier als mythische ‚Rasse‘, die angeblich anderen Rassen überlegen sei. In Deutschland förderten die Nationalsozialisten diese falsche Annahme und verherrlichten das deutsche Volk als Angehörige der ‚arischen Rasse. Gleichzeitig verunglimpften sie Juden, Schwarze und Roma und Sinti als ‚Nichtarier.“

Moment mal! Haben die Nazis den Arier etwa doch für ihre Zwecke missbraucht? Unerhört!

Insbesondere unerhört ist allerdings, dass das ZDF mit seinem Bild Assoziationen fördert, die die Verbrechen der eigenen Geschichte relativieren. Aber das ist noch längst nicht alles, denn wie bereits beschrieben, wird die Rolle der Sowjetunion bei der Beendigung des Zweiten Weltkrieges schon seit Jahren in Deutschland entweder mit Schmutz beworfen oder einfach ganz ignoriert, wenn das Thema auf den deutschen Nationalsozialismus schwenkt.

Wer hat’s erfunden? Die Ukrainer waren’s!

Es war der Schreihals Andrei Melnyk, der auf die bewusst provokante Frage eines Journalisten, wer denn Berlin vom Nationalsozialismus befreit habe, antwortete, das sei die Ukraine gewesen. Nach dieser Ungeheuerlichkeit stieg der damalige Botschafter der Ukraine in seine Limousine ein und fuhr von dannen.

Doch wer glaubt, da hat ein durchgeknallter ukrainischer Botschafter in seinem wirren Kopf eine absurde Geschichte erfunden, liegt falsch. Am 5. Mai 2023 zitierte der Autor Felix Husemann beim RedaktionsNetzwerk Deutschland die Urteilsbegründung des Berliner Verwaltungsgerichts nach der Klage einer Deutsch-Ukrainerin. Diese hatte gegen das Verbot ukrainischer Flaggen am Tag der Befreiung geklagt, das für den 8. Mai in Berlin verhängt worden war.

Sie hatte Erfolg, das Flaggenverbot wurde gekippt, allerdings nur für ukrainische Fahnen. Russische Fahnen blieben weiterhin verboten. Das RedaktionsNetzwerk Deutschland schreibt dazu damals:

„Wer von seinem Grundrecht Gebrauch mache, sich öffentlich zur ukrainischen Nation und ihren historischen Opfern bei der Niederringung des Nationalsozialismus zu bekennen, sei keine Gefahr für die öffentliche Sicherheit.“

Schon hier dreht sich einem der Magen um, denn man fragt sich, warum diese Begründung nicht für russische oder deutsch-russische Bürger gilt. Und wieder stellt sich heraus, dass die Sowjetunion in der neuen deutschen Geschichtsschreibung offenbar eine aktualisierte Rolle zugeschrieben bekommen hat, denn in der Urteilsbegründung heißt es wörtlich:

„Die Antragstellerin ist deutsche Staatsangehörige ukrainischer Abstammung. Im Krieg Deutschlands gegen die Sowjetunion (1941 bis 1945) kamen insgesamt rund acht Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer ums Leben, darunter fünf Millionen Zivilistinnen und Zivilisten einschließlich 1,6 Millionen ukrainischer Jüdinnen und Juden. Damit verzeichnete die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik unter allen sowjetischen Gliedstaaten in Relation zur jeweiligen Bevölkerungsgröße die meisten Toten. Ukrainische Soldaten hatten einen erheblichen Anteil an der Niederringung des nationalsozialistischen Deutschlands.“

Andrei Melnyk lässt grüßen! Und der von seiner Last befreite blonde, blauäugige Arier kann sich nun doch endlich entspannt zurücklehnen.

Zum Schluss kann und muss man wohl die Frage in den Raum stellen, wann wir erfahren, dass es den deutschen Nationalsozialismus so, wie er historisch eingeordnet wird oder zumindest wurde, überhaupt gar nicht gegeben hat. Womöglich hatte die Sowjetunion ja Deutschland überfallen und nicht umgekehrt.

Bleiben wir dran und beobachten die deutschen Polit-Talkshows. Irgendeine wird sich schon finden, die einen „Experten“ ausgräbt, der uns erzählt, wie es damals wirklich war.

Tom J. Wellbrock ist Journalist, Sprecher, Texter, Podcaster, Moderator und Mitherausgeber des Blogs neulandrebellen.

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