Kleine Klarstellung: Reden wir über taktische Atomwaffen, reden wir auch über Ramstein und Büchel Von Joe Bessemer

Kleine Klarstellung: Reden wir über taktische Atomwaffen, reden wir auch über Ramstein und Büchel

Von Joe Bessemer Einige Schiffe der Nordflotte der russischen Marine laufen erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder mit taktischen Nuklearwaffen zu Bereitschaftspatrouillen aus. Eine Meldung mit diesem Inhalt veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur RBK und verwies dabei auf eine Jahresprognose des norwegischen Auslands-Nachrichtendienstes für das Jahr 2023.

 

Kleine Klarstellung: Reden wir über taktische Atomwaffen, reden wir auch

über Ramstein und Büchel

Von Joe Bessemer

 

Russlands Schiffe und U-Boote würden neuerdings mit taktischen Nuklearwaffen Patrouillen fahren, will man im Westen wissen. Das bedeutet, Russland könnte sich irgendwann zu einem begrenzten Atomschlag gezwungen sehen. Es ist an der Zeit, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen.
Kleine Klarstellung: Reden wir über taktische Atomwaffen, reden wir auch über Ramstein und BüchelQuelle: Legion-media.ru © Ales Utouka

Von Joe Bessemer

Einige Schiffe der Nordflotte der russischen Marine laufen erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder mit taktischen Nuklearwaffen zu Bereitschaftspatrouillen aus. Eine Meldung mit diesem Inhalt veröffentlichte die russische Nachrichtenagentur RBK und verwies dabei auf eine Jahresprognose des norwegischen Auslands-Nachrichtendienstes für das Jahr 2023.

Vorweg als Entwarnung: Im Bericht des Norsk Etterretningstjenesten (deutsch: Norwegens Nachrichtendienst; auch bekannt unter E-Tjenesten oder Norwegian Intelligence Service; NIS) ließ sich zum Redaktionsschluss dieses Artikels keine Passage finden, mit der auf eine angebliche Unterbrechung der beschriebenen (wie es heißt: noch aus Zeiten der Sowjetunion hergebrachten) Praxis für mittlerweile drei Jahrzehnte hingewiesen worden wäre. Es mag sein, dass der norwegische Geheimdienst seine erste Fassung des Original-Berichts kurz nach dem Aufgreifen durch die RBK-Redaktion durch eine entsprechend gekürzte Version ersetzte. Auch in russischen Quellen lässt sich wenig Informatives diesbezüglich finden. Dennoch kann man von der Richtigkeit dieses Aspekts der Meldung ausgehen, sofern diese überhaupt als Ganzes wahr ist.

Nach der Perestroika, dem wirtschaftlichen Zusammenbruch erst der Sowjetunion, dann Russlands in den 1990er Jahren und wegen des damit einhergehenden Einbruchs der Militärfinanzierung in Russland wäre das plausibel. Es ist zu vermuten, dass sich der E-Tjenesten diesbezüglich seiner Sache überhaupt nicht sicher ist. Die Munitionierung von Über- wie Unterwasserfahrzeugen der russischen Nordflotte mit nuklearbestückten Raketen kürzerer Reichweite, sofern überhaupt der Fall, könnte auch bereits früher eingeführt worden sein – und passiert ist bisher ja nichts, Gott sei Dank.

Doch Fakt bleibt, die Norweger geben ihre angebliche Überzeugung vor, dass Über- wie Unterwasserfahrzeuge der russischen Nordflotte nunmehr mit taktischen Nuklearwaffen munitioniert auf Bereitschaftspatrouille seien. Und sie zeigen sich darüber äußerst besorgt:

„In Operationsszenarien mit Teilnahme der NATO stellen diese Nuklearwaffen eine besonders ernstzunehmende Bedrohung dar.“

Taktische Nuklearwaffen: Nicht nur zur Abschreckung da

Diese Tendenz würde nämlich eine spürbare Steigerung des Eskalationspotenzials im Konflikt des kollektiven Wertewestens mit Russland darstellen, wenn sie denn wahr wäre. Denn diese Waffen – in der russischen wie der US-amerikanischen Praxis – in den meisten Fällen auch eine im Vergleich zu atomar bestückten ballistischen Interkontinentalraketen (ICBM) eine unvergleichlich geringere Sprengkraft. Und Militäranalysten wie etwa Scott Ritter wiesen im westlichen Kontext, nämlich bezogen auf die Umrüstung von US-amerikanischen U-Booten auf ICBM-Raketen mit deutlich schwächeren, „taktischen“ Nuklearsprengköpfen variabel justierbarer Sprengkraft, bereits auf die dortige Hoffnung der Beherrschbarkeit des Risikos hin: Eine Kernwaffe mit geminderter Zerstörungskraft könnte bei ihrem Besitzer den Eindruck erwecken oder verstärken, man könne einen territorial eingeschränkten nuklearen Konflikt beginnen, austragen und beenden, ohne dass dieser zum Dritten Weltkrieg eskaliert und die ganze Erde in ein nukleares Krematorium verwandelt.

Dabei redet Ritter ausdrücklich sogar von U-Boot-gestützten ballistischen Interkontinentalraketen der Trident-Serie, die wegen ihrer Reichweite selbst mit einem „taktischen“ Sprengkopf mit wenigen Kilotonnen Sprengleistung eher als strategische Waffen angesehen werden müssen, insbesondere im Kontext ihres jederzeit möglichen verdeckten Einsatzes anstelle von Bereitschaftspatrouillen der Träger-U-Boote zur Abschreckung. Doch ansonsten hat Ritter absolut recht. Denn ganz gleich, wie man es dreht und wendet: Gerade die Absicht, solche Nuklearwaffen unter bestimmten Bedingungen auch wirklich einzusetzen, war ja der einzige Grund für den Entschluss einer entsprechenden Umrüstung der Trident-Raketen.

Dieser Gedanke lässt sich nahezu eins zu eins auf die russische Nukleardoktrin übertragen: Nehmen wir an, Russland habe tatsächlich die lange Zeit nicht gepflegte Praxis wiederbelebt, Schiffe auch mit taktischen (statt nur mit strategischen) Nuklearwaffen auf Patrouillenfahrten zu schicken. Das heißt, die russische Militärführung rechnet vermutlich mit einer höheren Wahrscheinlichkeit als früher angenommen, selbst nukleare Waffen einsetzen zu müssen. Dann aber sollte wohl auch die Entscheidung, in einem solchen Fall taktische Nuklearwaffen einzusetzen, mehreren Vorüberlegungen geschuldet sein:

Erstens soll damit die Anzahl der verfügbaren Trägerplattformen für Nuklearwaffen aufgrund hinreichender Überlebenschancen bei einer Eskalation noch vor dem Start von Atomraketen erhöht werden. Denn nicht jedes Schiff oder U-Boot kann überhaupt Interkontinentalraketen laden und starten, und je mehr Nuklearwaffen aller Klassen eine solche Eskalation überleben können, desto höher ihre Verfügbarkeit danach.

Zweitens würde dies bedeuten, dass auch Russlands Nukleardoktrin durchaus eine begrenzte nukleare Eskalation vorsieht – analog zur geltenden Doktrin der USA. Letzteres lässt sich aus der von Scott Ritter thematisierten Umrüstung eines Teils der Trident-Raketen durch die US-Kriegsmarine zweifelsfrei ablesen. Im Klartext scheint also Russlands Militärführung ihre Bedenken gegen einen Ersteinsatz von taktischen Nuklearwaffen zumindest im absoluten Notfall zu verlieren.

Zielscheibe Europa, Zielscheibe Deutschland

Drittens schließlich ließe eine solche Wahl der Waffen vor allem die Annahme zu, dass die Ziele solcher taktischen Sprengköpfe nicht jenseits vom „großen Teich“ liegen werden, sondern deutlich näher, denn „strategische“ ICBM-Raketen mit „taktischer“ Sprengkopfleistung hat Russland ohnehin nicht im Arsenal. Man kann also realistisch davon ausgehen, dass Luftwaffen-Stützpunkte in solchen NATO-Staaten, die etwa eine gemeinsame Grenze mit der Ukraine haben, Ziele von taktischen Nuklearangriffen werden könnten. Falls nämlich Mitgliedsstaaten dieses Militärbündnisses wirklich den Schritt wagen sollten, Kiew moderne Kampfflugzeuge zu überlassen, werden diese von NATO-Stützpunkten nahe der ukrainischen Grenze starten müssen: Die Ukraine hat selbst für die Wartung dieser Maschinen zwischen deren Einsätzen gar keine Infrastruktur und wird sie auch nicht in kurzer Zeit errichten können – sodass diese Kampfjets höchstens zum Betanken und Munitionieren in der Ukraine zwischenlanden werden. Für Russland würde das einen weiteren Kriegsanlass gegen Polen und Rumänien darstellen, den die russische Staatsführung nicht ignorieren und auf später verschieben könnte – anders als die vorausgegangenen Provokationen seitens benachbarter NATO-Mitglieder.

Doch außerdem sind etwa nahegelegene NATO-Stützpunkte für die Aegis Ashore-Kampfsysteme zur Abwehr ballistischer Raketen im rumänischen Deveselu, in der Naval Support Facility Redzikowo nahe dem polnischen Flughafen Słupsk-Redzikowo,  der logistische Knotenpunkt am polnischen  Militärflugplatz beim grenznahen Rzeszów, über den ein großer Teil des NATO-Kriegsgeräts an Kiew geliefert wird, sowie vielleicht auch die zahlreichen Militärstützpunkte in Großbritannien durchaus als künftige Ziele russischer taktischer Nuklearwaffen denkbar.

Denkbar sind aber auch die hochgerüsteten Standorte der US Air Force bei Büchel (oder möglicherweise auch Nörvenich) und Ramstein in Deutschland – wo die USA ihrerseits taktische Freifall-Wasserstoffbomben zum Abwurf von durch deutsche Piloten gesteuerten deutschen Flugzeugen stationiert halten. Selbes gilt für alle größeren militärisch relevanten logistischen Standorte in Deutschland.

Sorgen sogar bei Teilen der US-Elite

Die letztgenannten zwei Aspekte erregen bereits jetzt in Teilen der westlichen Eliten nur kleinlaut  zugegebene, aber erhebliche Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Kurses – und zwar ohne den Wahrheitsgehalt des norwegischen Geheimdienstdokuments zu hinterfragen oder sich auf dieses zu beziehen.

In den USA machte man sich bezüglich Großbritanniens vielleicht schon immer etwas größere Sorgen – erstens, weil ein Nuklearangriff auf das Gebiet eines eigenen Verbündeten (im Klub der NATO-Atommächte) erstens lieber vergolten werden sollte, was aber zugleich ein enormes Eskalationsrisiko birgt, und zweitens, weil infolge eines erfolgreichen derartigen Angriffs ein solcher Partner dauerhaft ausfallen könnte und damit auch die Abschreckungskapazität der NATO insgesamt erheblich gemindert würde.

Ansonsten allerdings scheint man dort normalerweise weitestgehend mit kühlem Kopf dort an diese Sache heranzugehen und betrachtet Szenarien, in denen Russland mit dem Einsatz taktischer Nuklearwaffen auf eine Eskalation reagieren oder selber eskalieren könnte, kaum als Gefahr. Jedenfalls weniger als eine Gefahr, die man besser vermeiden sollte, sondern viel eher als ein doch gut kalkulierbares Risiko, das man unter dem Kosten-Nutzen-Gesichtspunkt betrachten könne. (Hierüber kann man sich kaum wundern: Liegt das akuteste nukleare Eskalationsrisiko doch eindeutig woanders.)

Doch es fällt auf: Selbst bei einer solchen Herangehensweise beginnen sich einem kleinen Teil der US-Eliten mittlerweile die Augen zu öffnen. Dort scheint neuerdings eindeutige Besorgnis durch, vielleicht sogar eine existenzielle. So schreibt Loren Thompson, ein prominenter US-Militäranalyst mit vielen Beiträgen, unter anderem in der Zeitschrift Forbes:

„Sache ist: Wer auch immer in Washington, D.C. denkt, Russland sei in der Ukraine auf der Flucht begriffen, oder dass Moskau nicht bis zu einem Punkt eskalieren werde, an dem für den Westen alle Optionen alles andere als schmackhaft sein werden – derjenige ist ein Dummkopf. Das alles könnte noch viel übler werden, bevor Besserung einsetzt – und zwar nicht nur für die Ukrainer. Das ist das Risiko, das Washington eingeht, indem es einen Krieg dort vor der Haustür einer anderen Atommacht unterstützt. Wird das alles für den Westen letztendlich funktionieren? Vielleicht – aber vielleicht auch nicht.

Dieses für einen US-Amerikaner vielleicht nicht ganz typische britische Understatement sollte bereits sehr zu denken geben. Doch es geht weiter: Die US-Führung scheine gegenüber den Warnungen Moskaus, nötigenfalls auch Nuklearwaffen einzusetzen, taub geworden zu sein, beklagt Thompson. Stattdessen, deutet er an, habe sie begonnen, der im großen Stil produzierten eigenen Propaganda über den Krieg in der Ukraine zu glauben, mit der Russland jegliche Fähigkeit abgesprochen wird, dort auf konventionellem militärischem Wege Fortschritte erzielen zu können. Vielmehr werde posaunt:

„Jede Eroberung auf dem Schlachtfeld sei strategisch unbedeutend. Moskau habe den Großteil seiner fortschrittlicheren Waffen aufgebraucht. Russische Dienstpflichtige seien Kanonenfutter. Die Militärführung sei korrupt und inkompetent. Und so weiter, und so fort.“

Derlei selbstreferenzielle Rechtfertigung einer schrittweisen Eskalation durch Washington erinnert laut Thompson an die einstige Begeisterung der „Konföderierten“, mit der diese in der frühen Phase des US-Bürgerkrieges jede Niederlage der Union feierten – ohne eine Ahnung vom Durchhaltevermögen ihres Gegners vor Augen zu haben, mit dem dieser den häufigen Rückschlägen trotzen konnte.

Den langsamen Fortschritt der russischen Streitkräfte in der Ukraine führt dieser US-Autor, wie auch andere professionelle und ehrliche Militäranalysten, vielmehr auf die Maxime in Moskau zurück, möglichst das Leben jedes eigenen Soldaten sowie das eigene Kriegsgerät weitestgehend zu schonen – womit gewisse Optionen schnellstmöglicher Eskalationen eben ausfallen. Thompson benennt hier exemplarisch die russischen Luftstreitkräfte – die Moskau unter bestimmten ungünstigen Entwicklungen an der Front sofort in deutlich größerem Umfang als jetzt, aber auch unter Inkaufnahme etwaiger höherer Verluste einsetzen könnte – und auch einsetzen würde.

Überhaupt stehen dem russischen Kommando noch reichliche Möglichkeiten auf dem Wege einer Eskalation offen, bevor Atomraketen fliegen müssten, so der US-Militärexperte. Und auf diesem Wege habe Russland durchaus die Fähigkeiten zu taktischen Innovationen gezeigt. So sei die Kiewer Führung auf die mit Drohnen geführten, zerstörerischen Massenangriffe gegen ukrainische Infrastruktur schlicht nicht vorbereitet gewesen. Er vergleicht dies anerkennend mit jener Strategie, die das US Air Force-Kommando für den US-Einstieg in den Zweiten Weltkrieg ausgearbeitet hatte.

Und noch einen weiteren Vergleich des Ukraine-Krieges mit dem Zweiten Weltkrieg stellt Thompson her, der nochmals deutlich besser ausfällt:

„Es wäre ja schön, sich dem Glauben hingeben zu können, dass Wladimir Putin in der nahen Zukunft von der Bühne verschwinden und seine Nachfolger einen gesichtswahrenden Ausstieg aus dem Krieg finden könnten. Doch dies ist keine vernünftige Annahme, auf deren Grundlage man planen könnte. US-Politiker sollten sich das Schicksal der Nazi-Führer ins Gedächtnis rufen, die in den Jahren 1941/1942 wähnten, die Rote Armee niedergeschmettert zu haben. Die Russen haben sich wiederaufgerappelt, wurden stärker als ihre Feinde es je für möglich hielten und haben ihre Niederlagen mehr als wettgemacht. Es brauchte Zeit, aber aufgegeben hatten sie niemals. Die Motivation zum Kampf ist nochmals ganz anders, wenn das eigene Land in Gefahr ist – im Vergleich zum Anheizen eines Konflikts irgendwo in einem weit von Zuhause entfernten Nirgendwo, womit sich man sich heute in Washington gern beschäftigt.“

Noch eindeutiger geht Thompson auf die moralische Seite des Konfliktes nicht mehr ein – und hier ist wohl unerheblich, ob weil er es nicht riskieren will oder einfach meint, das nicht erwähnen zu müssen. Jedenfalls liefert er noch einen Denkanstoß, den nachdenkliche Menschen im Westen durchaus beherzigen sollten: Die Zielsicherheit der HIMARS-Mehrfachraketenwerfer hängt dank der satellitengestützten Steuerung ihrer hochpräzisen GMLRS-Munition einzig und allein von US-Aufklärungsdaten ab. Er zitiert dazu einen Artikel der Washington Post (WP):

„Die ukrainischen Streitkräfte feuern so gut wie niemals diese fortgeschrittenen Waffen ab, ohne dass ihnen die Zielkoordinaten jeweils explizit von US-Militärpersonal zur Verfügung gestellt werden.“

Noch brisanter ist folgendes Bestreben: Am nächsten Tag meldete die WP, das Pentagon versuche, eine Erlaubnis vom Kongress dafür zu erwirken, dass US-Sondereinheiten quasi „manuelle Kontrolle“ über ukrainische Aufklärungstrupps bekommen, um Informationen von taktischer Bedeutung über die russischen Streitkräfte zu sammeln.

Warum also sollte dann der militärische Arm der US-Eliten – die in ihrem ureigenen Interesse in der Ukraine eine faschistische Clique mit dem erklärten Ziel der Auslöschung und Vertreibung ethnischer Nichtukrainer, vor allem Russen, an die Macht putschten, damit diese ihren Stellvertreterkrieg gegen Russland führe – ausgerechnet bei künftiger Zielauswahl Straßenkontrollpunkte, KlinikenBüro- und Wohngebäude oder andere massenhafte Sammelpunkte von Zivilisten verschonen, solange die Menschen dort Russisch sprechen? Das sind für sie und ihre ukrainischen Handlanger nur Feinde und „Besatzer“, selbst wenn sie und ihre Vorfahren auch jahrzehnte- oder jahrhundertelang in diesen Gebieten gelebt haben, die nur durch geopolitische Missverständnisse Teil des failed state Namens Ukraine geworden sind.

Wer in Kenntnis dieser Sichtweise nach der Lektüre des Forbes-Leitartikels keine Parallelen zwischen den heutigen „Eliten“ des „Wertewestens“ und denen des Dritten Reiches zieht, dem kann nur noch absichtliche Blindheit attestiert werden.

In Russland hingegen erkennt der Großteil der Eliten ebenso wie des Volkes diese realen und objektiv bestehenden Parallelen nur zu genau. Russland hat mittlerweile nach dem mühevoll besiegten Dritten Reich sehr wohl das drohende Vierte Reich erkannt. Erkannt hat man folglich auch, dass der in der Ukraine heiß entbrannte Konflikt zwischen Russland und dem Wertewesten nunmehr sogar ein Kampf auf Leben und Tod ist – zumindest für das Überleben Russlands, egal was aus dem Wertewesten noch werden kann.

Gut, man darf derzeit noch etwas entspannt aufatmen, nicht nur wegen Loren Thompsons Einschätzung, Russland habe bei weitem noch nicht alle Eskalationsstufen durchlaufen, bis nur noch der Nuklearangriff bleibt, wenn auch zunächst „nur“ mit taktischen Waffen. Ebenso sehen dies auch russische Militärexperten, zumindest speziell im Hinblick auf die Bereitschaftspatrouillen mit diesen Waffen auf Kriegsschiffen: Alexander Artamonow ahnt, dass nur der Westen aktuell nichts lieber als das hätte, und Ilja Kramnik mahnt zu recht, jeder Schritt in eine solche Richtung hätte enorme strategische Auswirkungen.

Aber grundsätzlich behält sich Russland diese „Option auf dem Tisch“ vor, wie man beim geostrategischen Gegner zu sagen pflegt: Denn so ungern Russland diese „Option“ auch ergreifen würde, zumal der Wind in Russland weht bekanntlich meist aus dem Westen weht, und auch Tschernobyl hat in Russland niemand vergessen – doch was sollen Russen mit einer Welt ohne Russland? Sogar der „Rauch“, den die Norweger jetzt riechen zu können vorgeben, ist gewiss nicht ganz ohne Feuer oder zumindest ohne Lunte entstanden. Wie der oben vielzitierte Thompson betont, entwickeln nämlich derartige Prozesse bisweilen unabsichtlich auch eine prekäre Eigendynamik.

Und gerade angesichts der Rolle, die viele Regierungen in Europa als gehorsame US-Vasallen im Ukraine-Krieg gerne spielen, sollte sich jeder europäische Bürger fragen: Will ich inmitten von vollverglasten, draußen noch Jahrtausende „fröhlich“ strahlenden Landschaften leben, immer auf den nächsten kontaminierten Niederschlag wartend stets nur in ABC-Schutzkleidung aus dem Haus gehen? Wer kann und will sich ausschließlich von Treibhauskulturen und Konserven aus humanitären Hilfslieferungen ernähren? Vielleicht gänzlich aus Europa fliehen, falls woanders jemand noch einen aufnehmen will – oder kann?

Oder wer will sich, etwa als „ukrainische“ Besatzung eines Leopard-II-Panzers, in einen Krieg treiben lassen, in dem niemandem etwas Gutes blüht? Und das nur im Interesse von Konzernen, von denen aber die meisten das Land als nunmehr wirtschaftlich ungünstigen Standort schon zugunsten besserer Standortbedingungen in den USA verlassen haben.

All dies sollte man sich insbesondere auch in Deutschland fragen, und auch, ob das historische Gedächtnis wirklich eine so herbe Auffrischung braucht – falls man die unter den absolut glücklichsten Umständen überlebt. Warum haben wir es soweit kommen lassen?

Klar, es ist zu leicht, einfach mal eben nach einer Revolution zu rufen. Aber um Stalin zu paraphrasieren: Die Hitler und Scholz sind ebenso vergänglich wie die Biden und Reagan, und das deutsche Volk – so international gemischt, wie es mittlerweile eben ist – das will doch noch etwas bleiben, oder? Sicherlich muss ein anderes Deutschland möglich sein, dessen Wesen vielleicht sogar einen Beitrag zur Genesung Europas leisten könnte?

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