Philippinen: „Befriedung“ und „Aufstandsbekämpfung“ mit Tradition oder Der Widerspenstigen Zähmung (Teil III) Ein Artikel von Rainer Werning

Ich danke Rainer Werning sehr für die Genehmigung den III. Teil seines spannenden Philippinen Artike zu veröffentlichen.

 

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Philippinen: „Befriedung“ und „Aufstandsbekämpfung“ mit Tradition oder Der Widerspenstigen Zähmung (Teil III)

Ein Artikel von Rainer Werning

Die Philippinen sind das einzige Land in Asien, das nach einem westeuropäischen Herrscher, Philipp II., benannt ist. Zudem war der südostasiatische Inselstaat die einstige und einzige Kolonie der Vereinigten Staaten von Amerika in Asien. Was den bekannten, in mehrere Sprachen übersetzten und im Januar 2022 97-jährig verstorbenen philippinischen Schriftsteller und Autor Francisco Sionil José einst zu der trefflichen Bemerkung veranlasste: „Unsere Landsleute hatten das historische Pech, etwa 350 Jahre im spanischen Konventsmief und ein halbes Jahrhundert unter Hollywood-Herrschaft leben zu müssen, von einem dreijährigen Intermezzo unter japanischer Knute einmal abgesehen.“ Jahrhunderte kolonialer Herrschaft haben in den Philippinen tiefe Spuren hinterlassen, die bis heute auf Schritt und Tritt spürbar sind. Diese fünfteilige Serie aus der Feder unseres Südost- und Ostasienexperten Rainer Werning versteht sich als Spurensuche in ein Land, das während der Internationalen Buchmesse in Frankfurt a.M. im Jahre 2025 Gastland sein wird. Den 1. Teil und den 2. Teil können Sie auf den NachDenkSeiten nachlesen.

Von Pfirsching zu Pershing

Befriedung“ („pacification“ im Angloamerikanischen) – dieser beschönigende Begriff für die Unterwerfung von Völkern, wobei selbst ihre Vernichtung in Betracht gezogen wurde, war nicht selten der ultimative Beweggrund für Kolonialismus und Imperialismus. Als der US-Imperialismus den spanischen Kolonialismus ablöste, war „Befriedung“ eine Seite der Medaille, deren andere Seite freundliche Aspekte umfasste – beispielsweise eine „wohlwollende Assimilierung“.

Derjenige, der „Befriedung“ nachgerade prototypisch verkörperte und verinnerlicht hatte, war ein Mann elsässischer Herkunft, aus einer Gegend, die den nordöstlichen Teil des heutigen Frankreichs bildet: John Joseph Pershing. Seine Vorfahren hießen Pfirsching, was angloamerikanischen Zungen so gar nicht glatt über die Lippen rollen will. Als ebendiese Pfirschings sich in den USA ansiedelten, änderten sie flugs ihren Namen in „Pershing“. Es ist eine bittere Ironie der Geschichte, dass John Joseph Pershing ausgerechnet einer von zwei überaus bekannten Söhnen des Heimatstaates Missouri werden sollte – nebst dem international gefeierten Autor und bekennenden Pazifisten Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain.

Während Pershing eine glorreiche Laufbahn beim Militär einschlug, verwandelte sich der Autor und politische Aktivist Mark Twain in einen redegewandten Antiimperialisten. Im letzten Jahrzehnt seines Lebens, von 1901 bis 1910, war er Vizepräsident der Antiimperialistischen Liga der Vereinigten Staaten von Amerika und einer der freimütigsten Kritiker der amerikanischen Kriege auf Kuba und in den Philippinen. Twains Haltung und Standpunkt dem US-Präsidenten William McKinley und dessen Nachfolgeregierungen gegenüber kann am besten durch diese von ihm wiederholt öffentlich geäußerte Meinung zusammengefasst werden:

Wir beabsichtigen nicht, das Volk der Philippinen zu befreien, sondern es zu unterwerfen. Wir sind dorthin gegangen, um zu erobern, nicht um zu erlösen. Ich bin dagegen, dass der Adler mit seinen Krallen nach irgendeinem anderen Land greift.“ [1]

Randnotizen ad Imperialismus

Bevor ich auf den militärischen Abenteurer Pershing zurückkomme, sind einige kurze Anmerkungen zum Begriff „Imperialismus“ angebracht. Tatsächlich wurde dieser Begriff im Sog des Amerikanisch-Spanischen Krieges (1898), dessen Hauptschauplätze ja die Karibik sowie der Pazifik waren, geprägt und um die Jahrhundertwende hoffähig. Schon bald sollte dieser Begriff eine herausragende Rezeption in der politikwissenschaftlichen Literatur erfahren und für hitzige Debatten dies- wie jenseits des akademischen und Wissenschaftsbetriebs sorgen.

Im Jahre 1902 erschien das Buch „Imperialismus“ des englischen Ökonomen J. A. Hobson, das zugleich in London und New York veröffentlicht wurde. Acht Jahre später veröffentlichte der österreichische Marxist Rudolf Hilferding sein Werk „Das Finanzkapital“. Es war Lenin, der neue Entwicklungen im kapitalistischen Weltsystem während der vorangegangenen Jahrzehnte zusammenfasste und seine Erkenntnisse im Jahre 1917 unter dem Titel „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ publizierte. Imperialismus bedeutete für Lenin wesentliche Veränderungen in der kapitalistischen Produktionsweise: Der Kapitalismus der freien Konkurrenz hatte sich demnach in einen neuartigen Kapitalismus verwandelt – den Imperialismus eben –, in dem die Produktionsmittel und das akkumulierte Kapital schrittweise zu Kartellen und Trusts führten und so den Prozess der Herausbildung von Monopolen beschleunigten. Nach Lenin zeichnete sich der Imperialismus im Kern durch fünf Wesensmerkmale aus:

1. Konzentration der Produktion und des Kapitals, die eine so hohe Entwicklungsstufe erreicht hat, daß sie Monopole schafft, die im Wirtschaftsleben die entscheidende Rolle spielen; 2. Verschmelzung des Bankkapitals mit dem Industriekapital und Entstehung einer Finanzoligarchie auf der Basis dieses ‚Finanzkapitals‘; 3. der Kapitalexport, zum Unterschied vom Warenexport, gewinnt besonders wichtige Bedeutung; 4. es bilden sich internationale monopolistische Kapitalistenverbände, die die Welt unter sich teilen, und 5. die territoriale Aufteilung der Erde unter die kapitalistischen Großmächte ist beendet.“ [2]

In den USA hatte eine imperialistische Welle im Zuge der Einverleibung der Philippinen einen ersten Höhepunkt erreicht. Chauvinistische Apologeten von Interventionen wie der US-Senator Jeremiah Beveridge [3] gewannen schließlich die Oberhand über Kräfte, die im Sinne eines Isolationismus argumentierten – gemäß der Maxime, die USA verfügten über einen ausreichend großen Binnenmarkt, was eine Selbstversorgung garantiere und keines Wettstreits mit den westeuropäischen Weltreichen zwecks Erwerbs von Kolonien bedürfe. Trotz ihrer Niederlage verschaffte sich das antiimperialistische Lager – zu dessen prominentesten Verfechtern der Schriftsteller Mark Twain, der Industrielle Edward Carnegie sowie auch der deutsch-amerikanische Bürgerkriegsgeneral Carl Schurz zählten – mit scharfen Attacken auf Washingtons imperiale Pläne immerhin beträchtlich Gehör. [4]

Black Jack“ in „Gottes eigenem Land“

John Joseph Pershing (geboren am 13. September 1860) war die Verkörperung imperialer Ambitionen schlechthin. Bis Mitte der 1890er-Jahre bekämpfte er „Indianerstämme“ wie die Sioux und Apachen. Nach einem Zwischenspiel an der berühmten Militärakademie West Point, wo er Taktik lehrte, wurde er nach Kuba geschickt. Auf dem Höhepunkt des Amerikanisch-Spanischen Krieges übernahm er dort sein erstes Kommando über eine Einheit der 10. Kavallerie, die ausschließlich aus Afroamerikanern bestand. Der Spitznamen, den er seitdem trug, wurde zu seinem Markenzeichen – Freund und Feind gleichermaßen nannten ihn fortan schlicht „Black Jack“. Der Ort, wo der Säbel rasselnde „Black Jack“ am längsten im Namen von „Gottes eigenem Land“ weilte, um mit Hingabe und messianischem Eifer Feinde aufzustöbern und zur Strecke zu bringen, waren die Philippinen.

Zwischen 1899 und 1913 bekleidete Pershing verschiedene Posten im südlichen Teil des Archipels – zuerst im Zollamt, dann als Kommandeur einer Kavallerieeinheit, später als Militärgouverneur der Moro-Provinz sowie als oberster Befehlshaber auf der Insel Mindanao. Im Süden der Philippinen, insbesondere auf der Insel Jolo, waren „Black Jack“ und Generalmajor Leonard Wood die glühendsten Einpeitscher von „Befriedungskampagnen“ gegen rebellierende Muslime, die zu Tausenden niedergemetzelt wurden. Dort verdiente sich Pershing die weitere zweifelhafte Auszeichnung als „Schlächter der Moros“. Später sollte das amtliche Militärarchiv der USA solche Taten als „Bändigung der kriegstreiberischen Moro-Stämme“ herunterspielen.

Bis heute gibt es nur in der „Stadt der Blumen“, der selbsternannten „Latino-Stadt Asiens“, in Zamboanga City, außer der Plaza Rizal eine Plaza Pershing – eine bizarre Hommage an Militarismus und Aufstandsbekämpfung, deren Architekten „Black Jack“ so einen geschichtsträchtigen Platz zuwiesen.

In der Heimat war Präsident Theodore Roosevelt voll des Lobes für die Heldentaten „Black Jacks” in der neuen Kolonie, und er sorgte dafür, dass Pershing in atemberaubendem Tempo vom Hauptmann zum Brigadegeneral befördert wurde. Als Militärattaché in Tokio konnte Pershing aus erster Hand über den Russisch-Japanischen Krieg berichten, der 1905 der ganzen Welt signalisiert hatte, dass mit dem siegreichen Japan fortan eine neue gewichtige militärische Kraft die Weltbühne betreten hatte. Später erhielt Pershing den Befehl, Pancho Villa in Mexiko zu jagen, um nur ein Jahr später, 1917, in der Eigenschaft als Kommandeur des amerikanischen Expeditionskorps nach Europa auszurücken. 1921 fand sich „Black Jack“ als Stabschef der US-Armee wieder. Ein Jahrzehnt später veröffentlichte Pershing seine bewegende Autobiographie „My Experience of War“ („Meine Erfahrung im Krieg“), und es wurde ihm die Ehrenbezeichnung „General der Armeen der Vereinigten Staaten“ verliehen. Das war die höchste und prestigeträchtigste Ehrenbekundung, die je einem amerikanischen Soldaten zuteilwurde. Posthum wurde genau die gleiche Ehre auch George Washington zuteil.

John Joseph „Black Jack“ Pershing starb im Sommer 1948 in Washington/D.C. und wurde auf dem Nationalen Ehrenfriedhof Arlington feierlich beigesetzt. Aber seine Taten haben ihn überlebt. In den 1970er-Jahren, auf dem Höhepunkt der US-Aggressionen gegen Vietnam, Laos und Kambodscha, bezeichnete Professor Frank E. Vandiver, ein Militärhistoriker und Lehrer an der West-Point-Akademie, Pershing wortwörtlich als „den größten Menschen seit Jesus Christus“. Auch NATO-Strategen müssen von dem Mythos, der Durchschlagskraft und den Heldentaten von „Black Jack“ beeindruckt gewesen sein, als sie Anfang der 1980er-Jahre neben Marschflugkörpern (Cruise Missiles) eben auch Pershing-Raketen in Westeuropa dislozierten, um diesen Teil des Globus gegen mutmaßliche Angriffe seitens der damals noch intakten Sowjetunion zu schützen.

Andere Facetten der „French Connection“

Verkörperte Pershing die martialische Seite einer „French Connection“ in den Philippinen, so gab es zweifellos andere Facetten des französischen Vermächtnisses auf den Inseln, das weit in die Geschichte zurückreicht. Immerhin waren auch Franzosen Teil der Magellan-Expedition, die im Jahre 1521 die Ostküste der heutigen Visaya-Inselgruppe erreichte. Der namhafte philippinische Historiker und Kolumnist der in Manila erscheinenden Tageszeitung Philippine Daily Inquirer, Ambeth Ocampo, verfasste anlässlich des 60. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Manila und Paris einen informativen Beitrag mit dem Titel „Traces of France” (Spuren Frankreichs”), dem folgende längere Passagen entnommen sind:

Frankreich, oder bedeutsamer noch, die Französische Revolution, war eine Inspiration für viele unserer Helden, die an der 1896 begonnenen philippinischen Revolution beteiligt waren. Man kann sich fragen, wie anders wohl die Geschichte verlaufen wäre, hätte Frankreich seine Revolutionsideen deutlicher und nachhaltiger in die Philippinen zu exportieren vermocht, als dies im Falle der amerikanischen Revolution geschah.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten, als ich alte Pariser Buchläden und Bücherstände sowie den fantastischen Flohmarkt am Ende einer U-Bahnlinie, genannt Porte de Clignancourt, durchstöberte, fand ich reichlich Material über die Philippinen aus dem 19. Jahrhundert – hauptsächlich Reiseberichte, manche mit Gravierungen und Photographien illustriert, die eine optisch ansprechende, gefällige Verbindung zur Vergangenheit herstellen. Was mich an diesen vergilbten Büchern, Broschüren und Heften am meisten interessierte, waren auffällig viele Augenzeugenberichte über den Philippinisch-Amerikanischen Krieg, der unmittelbar nach dem Amerikanisch-Spanischen Krieg begann. Wenngleich es an philippinischen oder amerikanischen Quellen aus jenen Tagen partout nicht mangelt, ist es immer von großer Bedeutung, die gleiche Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

Die französischen Berichte, die ich las, offenbarten, dass die Amerikaner die Spanier offensichtlich nicht mochten und mit der Art und Weise, wie Spanien den Archipel verwaltete, nicht einverstanden waren, dass aber während des Philippinisch-Amerikanischen Krieges die Vereinigten Staaten uns nicht auf dem Weg zur Unabhängigkeit begleiteten, sondern Spanien in Wirklichkeit ablösten.“

Und Ocampo fährt fort:

Unsere Nationalhymne enthält eine Passage, die der französischen ähnlich ist. Das Rot-Weiß-Blau, das laut unserer Unabhängigkeitserklärung vom 12. Juni 1898 an die Farben der US-Fahne erinnert, kann bis zur französischen Trikolore zurückverfolgt werden. Tatsächlich ist das ausführliche, gedruckte Menü fürs große Malolos-Bankett im September 1898 in Kawit, wo unsere Unabhängigkeitserklärung ratifiziert wurde, in Französisch verfasst – nicht in Filipino. Der Schlachtruf der Französischen Revolution war darauf gedruckt: Freiheit! Gleichheit! Brüderlichkeit!

Kehren wir zurück zu den geistigen Wurzeln der Philippinischen Revolution, stoßen wir wieder auf Frankreich, denn wenn man der Liste der Bücher Glauben schenken kann, die von den Spaniern in der Bodega beschlagnahmt wurden, in der Andres Bonifacio arbeitete, las der Supremo der Katipunan (gemeint ist Bonifacios Führungsposition in der Geheimorganisation, die den bewaffneten Kampf gegen die Spanier im politischen Untergrund vorbereitete – RW) Bücher wie ‚Lives of the Presidents of the United States’ und natürlich ‚The French Revolution‘ und ward höchstwahrscheinlich von ihnen inspiriert. (…)

Die Geschichts- und Lehrbücher vermerken, dass es eine Gruppe im Ausland lebender Filipinos gab (allesamt ‚ilustrados‘, Personen also, die zur begüterten Schicht der Gesellschaft gehörten und sich der Aufklärung verpflichtet fühlten – RW), die entweder in Frankreich lebten oder das Land besuchten. Die Namensliste ist beeindruckend: José Rizal, Felix Resurreccion Hidalgo, Juan und Antonio Luna, Felix und Trinidad Pardo de Tavera, Valentin Ventura, Marcelo H. del Pilar und viele andere. Was dachten sie über Frankreich und die Franzosen?

Luna und Hidalgo ließen sich in Paris nieder und lebten dort von der Malerei. Trinidad und Felix Pardo de Tavera studierten an der Sorbonne. Bevor er zum bedeutendsten General des Philippinisch-Amerikanischen Krieges avancierte, war Antonio Luna Apotheker und besuchte Kurse im Rahmen eines weiterführenden Studiums am Institut Pasteur. Nach seiner Rückkehr nach Manila führte er bahnbrechende Forschungen durch zur Sauberkeit des Wassers des Pasig-Flusses sowie zur Reinheit der Milch des Carabao (Wasserbüffels). (…)

Bedeutsam ist, dass keiner der Pinoys (als Kosenamen gebräuchlich unter Filipinos und Filipinas – RW), welche die Weltausstellung von 1899 besuchten, den neu gebauten Eiffelturm in ihren Schriften erwähnen. Das heutige Wahrzeichen von Paris und Frankreich kommt lediglich als beiläufiger Hinweis vor in den Tagebüchern der Männer, die teilhatten an der ‚Propagandabewegung’, wie unsere Lehrbücher sie heute nennen. Warum fehlt der Eiffelturm? Vielleicht hat Rizal den Turm nicht wahrgenommen, weil er zu sehr damit beschäftigt war, eine Konferenz über philippinische Themen rechtzeitig zur Ausstellung zu organisieren. Oder vielleicht mochte er den Turm nicht – wie Flaubert, der regelmäßig im Turmrestaurant speiste, nicht weil er das Essen dort besonders gut fand, sondern weil es der einzige Ort in Paris war, von wo aus er den Turm nicht sehen konnte.

Eine nicht allgemein bekannte Tatsache ist, dass die Eiffel-Gesellschaft Brücken in die Philippinen exportierte, und die komplett aus Stahl gebaute San Sebastian-Kirche in Manila in Europa vorfabriziert, Stück für Stück nach Manila verschifft und vor Ort in Lego-Manier zusammengebaut wurde.“ [5]

Achsenmächte in Manila

Neben der Verbindung nach Frankreich gab es in puncto Militarismus und Aufstandsbekämpfung auch nennenswerte Verbindungen nach Deutschland. Dies betraf die Beeinflussung der Filipinos durch Militarismus, Faschismus und Rassismus – zumindest von Teilen der Gesellschaft – während der japanischen Besetzung der Philippinen. In diesem Kontext muss betont werden, dass es nach der Zivilbevölkerung Chinas und Koreas Filipinos waren, die in der Zeit von Dezember 1941 bis Frühjahr 1945 am meisten gelitten und am teuersten bezahlt hatten. Etwa 1,2 Millionen Filipinos verloren ihr Leben im aktiven oder passiven Widerstand gegen den japanischen Militarismus. Und Manila rangierte gleich nach Warschau als die während des Zweiten Weltkriegs am schwersten zerstörte Hauptstadt.

Damals war Japan neben Benito Mussolinis Italien and Nazideutschland ein integraler Bestandteil der Achsenmächte, wie sie sich nannten. Die Achse Rom-Berlin-Tokio war als eine strategische Allianz im Streben zur Errichtung eines weltweiten Imperiums unter der Vorherrschaft dieser „Herrenrassen“ konzipiert. Im August 1940 verkündete Japans Außenminister Matsuoka Yôsuke das Konzept der „Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre“ [6] – ähnlich den nazistischen ideologischen Konstrukten von „Lebensraum” oder „Blut und Boden”.

Die Vorstellung von einer japanischen Überlegenheit über andere asiatische „Rassen“ war bereits im späten 19. Jahrhundert konzipiert und stetig weiterentwickelt worden, nachdem Japan 1905 das erste asiatische Land wurde, das eine westliche Macht – das zaristische Russland – besiegte. Mit den Worten des Historikers Peter Duus erlaubte es die Ideologie der Großostasiatischen Wohlstandssphäre den Japanern, sich „im Sprung vom Abstellgleis zur Lokomotive der Geschichte vorzuarbeiten.“ [7]

Ultranationalistische Gruppen in Japan glaubten, die moralische Reinheit der Yamato-Rasse and Japans einzigartige Abstammung von der Sonnengöttin Amaterasu berechtigten die Japaner dazu, eine führende Rolle im Kampf gegen den westlichen Kolonialismus und Imperialismus in Asien zu spielen. Führende japanische Politiker benutzten die „Wohlstandssphäre“ in ihrer Propaganda gegenüber der eigenen Bevölkerung sowie gegenüber den Völkern anderer asiatischer Länder. Sie errichteten dort von Tokio kontrollierte Marionettenregierungen mit einheimischen Führern, die die „Unabhängigkeit“ ausriefen und eine Politik der „Japanisierung“ dem eigenen Volk gegenüber verfolgten, die wenig oder gar keine Rücksicht auf einheimische Bräuche und Religionen nahm. Allerdings hatte Japans Propaganda einige Völker Südostasiens anfangs dazu verleitet, die Japaner in Erwartung einer helleren Zukunft unter deren „Schutzherrschaft“ als Befreier anzusehen – ein Trugschluss mit fatalen Konsequenzen, wie sich schon bald zeigen sollte.

Als Alliierte waren die Nazifaschisten und die japanischen Militaristen durch ein gleichartiges Konzept von Überlegenheit und Hegemonie verbunden. In den Philippinen verbreitete man dieses Konzept, indem man sich auf Elemente der äußersten Rechten stützte, die Verbindungen zum „alten Mutterland“ Spanien besaßen. Bereits 1936 sagte Reichsmarschall Hermann Göring, dass „Spanien der Schlüssel zu zwei Kontinenten ist“. Indem sie Spanien kontrollierten, glaubten die Nazis, dass sie sowohl Europa als auch Lateinamerika beherrschen könnten. Sie erkannten, dass sie die spanische Republik zerschlagen mussten, um durch Spanien in Ibero-Amerika dauerhaft Fuß fassen zu können. Deshalb arbeitete das Dritte Reich eng mit Offizieren der spanischen Armee zusammen, um General Francisco Franco im Jahr 1936 an die Macht zu bringen [8]. Und es bediente sich der Falange von José Antonio Primo de Rivera als Basis in Spanien und als Vehikel, um in Ibero-Amerika einzudringen.

Die Falange Exterior, eine Spanisch sprechende Abteilung der NSDAP-Auslandsorganisation, wurde zu diesem Zweck geschaffen. Spanien, das geographisch die Einfahrt zum Mittelmeer vom Atlantik her beherrscht und die „Flanke“ zu Frankreich bildet, übte noch immer einen gewaltigen Einfluss auf Lateinamerika aus – nicht zuletzt aufgrund der starken kulturellen und wirtschaftlichen Bindungen zwischen der Aristokratie Spaniens und derjenigen Lateinamerikas. Außerdem hatte das gewichtige Erbe des Katholizismus in Spanien wie in Lateinamerika den spanischen Einfluss in jenem Teil der Welt verstärkt.

Titelbild: hyotographics/shutterstock.com


[«1] Jim Zwick (ed.): Mark Twain’s Weapons of Satire: Anti-Imperialist Writings on the Philippine-American War. Syracuse 1992.

[«2] Wladimir Iljitsch Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. Petrograd, 1917, in: W. I. Lenin, Werke, Band 22, Berlin 1960, S. 199-211.

[«3] Zwischen damals und heute gibt es einige Parallelen: Senator Jeremiah Beveridge (Indiana) war ein überzeugter Konservativer, der es schon vor der Besitznahme der Philippinen im Jahre 1898 als „Göttliche Mission“ angesehen hatte, den Archipel als Sprungbrett zu verwenden, um von dort aus den riesigen chinesischen Markt zu erobern. Ein ähnlich gestandener konservativer Fundamentalist und einflussreicher Prediger in den USA war der im Mai 2007 verstorbene Jerry L. Falwell. Er war bekannt für seine provokant obskuren Bemerkungen. So sagte er nach dem Angriff vom 11. September 2001 im 700 Club zum Beispiel: „Ich bin der festen Überzeugung, dass die Heiden, die einen alternativen Lebensstil verfolgenden Schwulen und Lesben, die ACLU (American Civil Liberties Union – RW) und die People For the American Way versucht haben, Amerika zu säkularisieren. Ich zeige mit dem Finger auf ihr Gesicht und sage ‚Ihr habt mitgeholfen, dass all das geschah‘“. Derselben Meinung war im Übrigen auch sein gleichermaßen von messianischem Sendungsbewusstsein erfüllter Evangelisten-Kollege Pat Robertson. Zwar musste sich Falwell nach massiver Kritik entschuldigen. Dennoch hielt er an seiner Behauptung fest und erklärte: „Wenn wir uns dazu entschließen, alle Regeln zu ändern, auf der diese jüdisch-christliche Nation aufgebaut wurde, können wir nicht erwarten, dass der Herr seinen Schutzschirm über uns aufspannt, wie er es in der Vergangenheit getan hat.“

[«4] Carl Schurz (* 2. März 1829 in Liblar bei Köln, damals Teil der preußischen Rheinprovinz – † 14. Mai 1906 in New York) hatte aktiv an der letztlich gescheiterten Märzrevolution von 1848 teilgenommen. Als Mitglied der sogenannten „Achtundvierziger“ floh er zunächst in die Schweiz, Frankreich und England und emigrierte 1852 in die Vereinigten Staaten. Hier machte er eine bemerkenswerte Karriere. Schurz, ein entschiedener Befürworter des allgemeinen Wahlrechts und ein führendes Mitglied der republikanischen Partei, engagierte sich 1860 im Wahlkampf für Abraham Lincoln. Dieser schickte ihn später als amerikanischen Gesandten nach Spanien. Schurz bekämpfte die Sklaverei und schloss sich beim Ausbruch des amerikanischen Bürgerkrieges der Unionsarmee an. Als General und Staatsmann wurde er als erster Deutscher in den Senat gewählt. Präsident Rutherford B. Hayes berief Schurz zum Innenminister (1877-81). Nach Dienstende kehrte er zum Journalismus zurück und wurde Herausgeber der New York Evening Post. Seine Frau Margarethe gründete den ersten Kindergarten in Amerika.

[«5] Ambeth Ocampo: Traces of France, in: Philippine Daily Inquirer, 27. Juni 2007(Eigene Übersetzung: RW).

[«6] Die Rechtfertigung für die japanische Expansion und das Konzept der „Greater East Asia Co-Prosperity Sphere“ (Größeren Ostasiatischen Gemeinsamen Wohlstandssphäre) war folgende: „Um den Weltfrieden zu gewährleisten, scheint es ein sehr natürlicher Schritt zu sein, dass die Völker, die geografisch, rassisch und wirtschaftlich eng miteinander verbunden sind, zuerst eine eigene Sphäre der Koexistenz, des gemeinsamen Wohlstands, des Friedens und der Ordnung schaffen. Gleichzeitig sollten sie ein Verhältnis der gemeinsamen Existenz und des wirtschaftlichen Wohlstands mit anderen Sphären sichern. (…) Die Länder Ostasiens und der Südseeregion sind geografisch, historisch, rassisch und wirtschaftlich eng miteinander verbunden. Sie sind zur Zusammenarbeit bestimmt und sollten sich um die gegenseitigen Bedürfnisse im Interesse des gemeinsamen Wohlergehens und des Wohlstandes kümmern. Das fördert den Frieden und Fortschritt in ihren Regionen.“ – s. Peter Duus: Japan‘s Wartime Empire: Problems and Issues, in: Peter Duus/Ramon H. Myers/Mark R. Peattie (eds.): The Japanese Wartime Empire, 1931-1945. Princeton University Press, 1996 (Eigene Übersetzung: RW).

[«7] Ebd., S. xxiii.

[«8] Tausende ausgebildete Reichswehrangehörige wurden als Vormarschtruppe für die „Legion Condor“ eingesetzt. Die „Legion Condor“ wurde von Nazigrößen angeführt und sollte Spanien „zur alten Glorie führen“: Sie half dem Faschisten- und Falangistenlager um Franco in dessen Kampf gegen die republikanischen Truppen. Auf ihrem Weg massakrierte die Legion Scharen von Zivilisten und legte den Ort Guernica in Schutt und Asche. Die Condor-Legionäre hatten ein Lied, das wie folgt lautete:
Wir pfeifen hoch und tief,
mag uns die Welt loben oder tadeln.
Sollen sie doch denken, was sie woll’n.
Egal wie sie uns auch einst nennen mögen.“
Detailliert in: Allan Chase: Falange – The Axis Secret Army in the Americas. New York: G. P. Putnam’s Sons, 1943.

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