Über Masha Gessen, Ghettos, Äpfel und Birnen Von Tom J. Wellbrock

Über Masha Gessen, Ghettos, Äpfel und Birnen

Masha Gessen hat zwar den Hannah-Arendt-Preis bekommen, aber wohl nur, weil sie so eine brave, neoliberale Russland-Kritikerin ist. Wenn dem nicht so wäre, wäre es sicher anders gekommen. Hat Gessen den Preis also verdient oder nicht?

Über Masha Gessen, Ghettos, Äpfel und Birnen

Von Tom J. Wellbrock

 

Masha Gessen hat zwar den Hannah-Arendt-Preis bekommen, aber wohl nur, weil sie so eine brave, neoliberale Russland-Kritikerin ist. Wenn dem nicht so wäre, wäre es sicher anders gekommen. Hat Gessen den Preis also verdient oder nicht?
Quelle: AFP © Ernesto Distefano / GETTY IMAGES NORTH AMERICA

 

Bevor wir uns der Frage widmen, ob Gessen den Hannah-Arendt-Preis zu Recht erhalten hat oder nicht, sei angemerkt, dass ich persönlich keine sonderlich hohe Meinung von ihr habe. Ihr Buch „Die Zukunft ist Geschichte“ ist ein Sammelsurium von Behauptungen, Lügen, bizarren Quellenangaben, die teils ins Leere führen, und der Anspruch, „das ganze Bild“ Russlands zu zeigen, muss man als kläglich und auf niveaulose Weise gescheitert bezeichnen.

Möchte man mir unterstellen, ich sei befangen bei der Beurteilung der nonbinären Masha Gessen, habe ich dem wenig zu entgegnen, außer: Ja, ich bin befangen und neige dazu, Gessen als neoliberale Soldatin im Dienst westlicher Wirtschaftsmilitaristen zu bezeichnen. Und doch fällt das nun Folgende wohlwollend aus, weil es ein gravierender Fehler meinerseits wäre, Gessen gewissermaßen aus Prinzip abzulehnen. Das tue ich nicht, ich kann es nicht, denn was Gessen über die tödliche Politik Israels nach dem 7. Oktober 2023 – also nach den Angriffen der Hamas auf Israel – gesagt hat, ist in meinen Augen völlig korrekt.

Und die Tatsache, dass sie auch nach massiver Kritik nicht von dem Gesagten abgerückt ist, spricht in diesem Fall ebenso für sie.

Israels Ghetto?

Folgende Aussage – getätigt in einem Essay im New Yorker – war Stein des Anstoßes:

Danach begann, was inzwischen nicht mehr überraschen kann. Die Bremer Niederlassung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft forderte, den Preis nicht an Masha Gessen zu überreichen, die Heinrich-Böll-Stiftung zog sich zurück und der Veranstaltungsort, das Bremer Rathaus, stand auch nicht mehr zur Verfügung. Von der als großartiges Ereignis geplanten Verleihung blieb ein Essen im kleinen Kreis übrig.

Doch Gessen blieb standhaft und wusste nicht, warum sie das Geschriebene zurücknehmen oder sich dafür entschuldigen sollte. Die NZZ ordnete das so ein:

„Wer so tue, als ob der Holocaust mit nichts vergleichbar sei und sich folglich auch nicht wiederholen könne, könne die Katastrophe nicht verhindern, sagt Gessen: ‚Wir haben eine moralische Verpflichtung zu Vergleichen.‘ Wer nicht vergleiche, verorte den Holocaust außerhalb der Geschichte. Das sei historisch, moralisch und politisch bedenklich, weil es den Satz ‚Nie wieder‘ von ‚einem politischen Projekt zu einem Zauberspruch‘ mache.“

Die Zeitung kommentierte dies wie folgt:

„Das ist so wirr gedacht wie formuliert. Weit entfernt von den konzisen Texten, in denen Masha Gessen die Funktionsweise autoritärer Regime analysiert.“

Der Spiegel dagegen stellt fest:

„Bei aller verständlichen Empathie für die Gaza-Zivilbevölkerung, bei aller legitimen Kritik an Israels Regierung und Armee: Parallelen zwischen Gaza heute und Ghettos vor 80 Jahren vermag Masha Gessen nicht plausibel zu schildern und schwenkt rasch zum Vorwurf, in den Debatten hierzulande gebe es ‚eine Form von Überwachung‘ der kulturellen Sphäre. ‚In Deutschland herrscht eine Kultur des Silencing, des Mundtotmachens, eine Verengung der politischen Diskussion.‘ Israelkritische Stimmen würden zum Schweigen gebracht.

Dafür allerdings sind sie, Gessen inklusive, verblüffend lautstark.“

Ordnen wir diese Argumente ein wenig ein.

Ein Vergleich, ein Vergleich!

Möglicherweise ist das Problem der Deutschen ein fruchtiges. Denn wenn der deutsche Mainstream nicht mehr weiterweiß, weist er vehement auf ein Vergleichsverbot von Äpfeln und Birnen hin. So etwas tue man nicht, heißt es dann.

Schwer zu sagen, ob dieser Unsinn aus Dummheit oder Taktik entsteht, denn Masha Gessen hat deutlich gemacht, worum es geht: Ein Vergleich dient dazu, Gemeinsamkeiten, Ähnlichkeiten und Unterschiede zweier Ereignisse oder Dinge herauszuarbeiten. Wir wissen beispielsweise, dass Äpfel und Birnen Früchte sind – eindeutig eine Gemeinsamkeit. Wir wissen aber auch, dass sie andere Geschmacksrichtungen aufweisen, was auf einen Unterschied von Äpfeln und Birnen hinweist. In der Form weisen Äpfel und Birnen Ähnlichkeiten auf, doch verwechseln kann man sie nicht, da die Birne zum Ovalen und der Apfel zum Runden neigt.

 

Erklären Sie das mal einem Kind! Wie soll es verstehen, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede liegen, wenn Sie sich als pädagogisch korrekter Erwachsener einem Vergleich von Äpfeln und Birnen verweigern? Hoffentlich – und im Sinne der Ihnen anvertrauten Kinder – verhalten Sie sich nicht so dumm!

Und der Ghetto-Vergleich? Ich höre schon die entrüsteten Stimmen, die poltern: „Das ist doch etwas ganz anderes!“ Ach, tatsächlich? Wieso? Wer in die Falle tappt, sagt nun: „Das kann man doch nicht miteinander vergleichen!“

Ok, also die Sache mit den Äpfeln und Birnen kann man nicht mit den Ghettos in Palästina und denen der deutschen Nazis vergleichen? Warum nicht? Das Prinzip ist doch in beiden Fällen dasselbe: Man schaut sich die Sachlage an und stellt Vergleiche auf, bis man zu einem Ergebnis kommt. Man kann das faktisch nicht tun, ohne Vergleiche zu bemühen.

Gessen betont auch, dass die Singularität des Holocausts einhergeht mit dem notwendigen Blick auf Entwicklungen, die womöglich in eine ähnliche Richtung weisen. Dafür sollte sie keine Kritik, sondern Dankbarkeit ernten. Denn wer sich des Vergleichens verweigert, unterstellt, dass es ein bestimmtes Ereignis nie wieder geben kann, der Vergleich also unzulässig ist. „Nie wieder Faschismus!“ (heute gern abgekürzt mit „Nie wieder“, was durchaus komfortabel ist, wenn man sich selbst nicht dem Vergleich mit dem Faschismus aussetzen will) bedeutet nicht, dass es schon gut gehen wird, weil wir tönen, es dürfe nie wieder passieren.

Vielmehr muss an diesem „Nie wieder Faschismus!“ ständig gearbeitet und immer wieder überprüft werden, ob das Versprechen gehalten werden kann. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass „Nie wieder Faschismus!“ nur erfolgreich sein kann, wenn regelmäßig Vergleiche von vergangenen und gegenwärtigen Entwicklungen angestellt werden. Geschieht dies nicht, besteht die akute Gefahr des Totschweigens von Gefahren, die man lieber nicht sehen und deshalb aus dem Blickfeld entfernen will. Beste Voraussetzungen für einen neuen Faschismus, der nicht exakt so aussieht wie der überwundene, der aber nicht weniger gefährlich ist.

Mundtotmachen leicht gemacht

Befassen wir uns noch kurz mit dem Spiegel und seiner steilen These, dass es ein Mundtotmachen in Deutschland gar nicht gebe. Dem Einwurf Gessens, in Deutschland herrsche eine Stimmung des Mundtotmachens, des „Silencing“, und beides verenge die Diskussionsspielräume, entgegnet das ehemalige Nachrichtenmagazin notorisch:

„Dafür allerdings sind sie, Gessen inklusive, verblüffend lautstark.“

Das ist fast noch schlimmer als das Äpfel-Birnen-Vergleichsverbot. Dennoch wird dieses absurde Argument immer gern verwendet, etwa wenn in einer Talkshow mal wieder ein kritischer Geist gegrillt wird, aber nicht ohne den Hinweis, um die Meinungsfreiheit sei es doch prima bestellt, schließlich dürfe jener kritische Geist doch in genau dieser Talkshow alles sagen, was er möchte.

Man muss kein Genie sein, um sich die Rolle der armen Menschen mit kritischem Gemüt auszumalen, wenn sie in Talkshows eingeladen werden. Sie mögen auf den ersten Blick auf einem Stuhl sitzen, bei genauerer Betrachtung ist es aber ein Pranger, und geteert und gefedert werden sie auch gleich noch. Die Wagenknechts und Baabs, die Guérots und die Aiwangers, die halten das aus, wenngleich nicht folgenlos, denn die psychischen Belastungen durch solche Talkshow-Auftritte sind nicht zu unterschätzen. Immer wieder erfährt man von Leuten, die gegen den Strom schwimmen und regelmäßig Auszeiten brauchen, weil der Druck enorm ist.

Und darum geht es ja: An den verbleibenden Mutigen werden Exempel statuiert, um weniger Mutige zum Schweigen zu bringen, bevor sie den Mund auch nur einen Spalt öffnen können.

Und noch ein Vergleich

Abschließend kommt noch ein Vergleich um die Ecke. Er befasst sich mit der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland und dem politischen System von heute. Die Tatsache, dass damals Millionen Menschen getötet, gefoltert, vergewaltigt und ausgehungert wurden, lässt sich nicht mit dem politischen System gleichsetzen, das wir heute haben. Doch ein Vergleich ist ja eben genau das nicht, ein Gleichsetzen.

Führen wir also den Vergleich fort, ohne bei der Zeit der schrecklichsten Verbrechen der Nazis anzusetzen. Beginnen wir an einem anderen Punkt, an dem Punkt, als dieser ganze Wahnsinn begann. Zu dieser Zeit waren noch keine Menschen ermordet worden, Hitler hatte noch keinen Krieg gegen die Sowjetunion und andere Länder geführt.

Was aber schon einsetzte, war die Verfolgung der „falschen Meinung“. Kritische Stimmen wurden beobachtet und Pläne, sie zum Schweigen zu bringen, erarbeitet. Bekannterweise steigerte sich all das bis auf ein Maß, das wir heute kennen und von dem wir mutig fordern, dass es „nie wieder“ geschehen möge. Doch es begann mit den Nadelstichen, mit den Sanktionen und öffentlichen Anklagen derer, die nicht konform mit dem Nationalsozialismus waren.

Wir erleben das wieder, in einer anderen Form und mit neuen Nuancen, doch das Prinzip funktioniert wie damals, der Vergleich ist also relevant, will man verhindern, dass sich eine ähnliche Dynamik aufbaut wie damals. Da der Vergleich nicht den Anspruch haben sollte gleichzusetzen, sondern Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu analysieren, kann auch von einer Gleichsetzung nicht die Rede sein.

Doch wer behauptet, der Holocaust und der Nationalsozialismus seien so einmalig, dass eine Wiederholung ausgeschlossen ist, begeht einen schweren Fehler, und man muss vermuten, dass dieser Fehler ganz bewusst gemacht wird. Denn wenn man den Umgang mit Andersdenkenden damals, zu Beginn des Nationalsozialismus, und heute, in der aktuellen politischen Situation, vergleicht, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass es Ähnlichkeiten gibt, die unübersehbar sind. Will man diese Ähnlichkeiten leugnen, um sie zu vertuschen, ist das Verbot von Vergleichen ein treffliches Mittel, um eine Entwicklung fortzusetzen, von der wir dachten, es gäbe sie „nie wieder“.

Tom J. Wellbrock ist Journalist, Sprecher, Texter, Podcaster, Moderator und Mitherausgeber des Blogs neulandrebellen.

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