Unsere Freunde, die Amerikaner Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

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Aktueller Online-Flyer vom 27. Dezember 2023  

Fotogalerien
Auf den Spuren eines Phänomens in Fulda
Unsere Freunde, die Amerikaner
Von Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann

Bis Mitte der 1990er Jahre waren in Fulda die Amerikaner stationiert – auf dem Sickels-Army-Field am Rande der Stadt. Es war ihre Aufgabe, sich dem Feind aus dem Osten in den Weg zu stellen, der über das so genannte „Fulda Gap“ (die Fulda-Lücke) nach Westen vordringen könnte. In der Broschüre „Willkommen in Fulda“ der „Barockstadt Fulda“ erfahren wir von einer Einrichtung, die sich heute auf diesem Areal befindet. Das Museum „bewahrt Geschichte sowie Freundschaft der Amerikaner in der Region“. Schon am 27. Dezember 1944 waren die Amerikaner in einer besonderen Mission in Fulda. Sie kamen mit 122 B-17-Bombern. „Genau nach Plan, pünktlich 12.37 Uhr, erschienen – von Nordwesten kommend – 122 Maschinen über dem Ziel und deckten bei bester Erdsicht auf ein Zeichen des jeweiligen Staffelführers die Bahnanlagen und die Stadt mit einem Hagel von insgesamt 1.396 Sprengbomben ein. 316 Tonnen Vernichtungsmittel prasselten auf die Stadt nieder. Die Wucht der Explosionen ließ die Erde erzittern, und bald verdunkelten riesige Spreng- und Rauchwolken den Blick auf das Ziel.“ So wird es im 2022 erschienenen Buch „Fulda 1944“ von Günter Sagan geschildert. Der qualvolle Erstickungstod von mehr als 700 Menschen, die im Krätzbach-Tunnel unter den Bahngleisen Zuflucht gesucht hatten (darunter mehr als 250 Zwangsarbeiter), war das schrecklichste Resultat dieses Angriffs. Im dem der „Freundschaft der Amerikaner“ gewidmeten Museum ist darüber nichts zu finden.


1. Dom der Barockstadt Fulda (alle Fotos: arbeiterfotografie)


2. Tower des Sickels-Army-Field


3. Museumsschaustück: United States Army Monopoly


4. Museumsschaustück: Dein Freund, der Amerikaner


5. Museumsschaustück: United States Army Monopoly


6. Museumsschaustück: Dein Freund, der Amerikaner


7. Tower des Sickels-Army-Field


8. Gedenkstätte am West-Ende des Krätzbach-Tunnels in der Mehlerstraße


9. Gedenktafel am West-Ende des Krätzbach-Tunnels in der Mehlerstraße


10. Gedenkstätte am West-Ende des Krätzbach-Tunnels in der Mehlerstraße


11. Kanaldeckel am West-Ende des Krätzbach-Tunnels in der Mehlerstraße


12. Bahngeleise, unter denen der Krätzbach-Tunne verläuft


13. Kanaldeckel am Ost-Ende des Krätzbach-Tunnels im Bürgersteig der Heidelsteinstraße


14. Gedenkstätte am Krätzbach in der Gemeinde Künzell


15. Gedenkstätte am Krätzbach in der Gemeinde Künzell


16. Gedenkstein auf dem Friedhof an der Heidelsteinstraße


17. Auf dem Friedhof an der Heidelsteinstraße


18. Gedenkstein auf dem Friedhof an der Heidelsteinstraße


19. Grabstein auf dem Friedhof an der Heidelsteinstraße – „Stanislawa Zlakowscy, geboren 29.10.1904, gestorben 27.12.1944“

In der Fuldaer Zeitung vom 28./29. Dezember 1944 ist unter dem Titel „Luftgangster über Fulda“ auf Seite 3 zu lesen: „Die Gauleitung gibt bekannt: In den gestrigen Mittagsstunden wurde die Stadt Fulda von anglo-amerikanischen Mordbrennern erneut überfallen. Wohnviertel und sogar Krankenhäuser wurden bei bester Erdsicht angegriffen. Die Bevölkerung hatte Verluste.“

Das Verhältnis der Freundschaft begann schon früher. Zunächst sei in diesem Zusammenhang die Freundschaft zu Hitler erwähnt. Die Amerikaner wollten – im Verbund mit den Engländern – Deutschland und die Sowjetunion gegeneinander in die Schlacht ziehen zu lassen – beginnend in den 1920er-Jahren damit, die Aufrüstung Deutschlands, den Aufstieg der NSDAP und dann die einzelnen militärischen Schritte Hitler-Deutschlands hin zur Operation Barbarossa, des Feldzugs gegen die Sowjetunion, zuzulassen und zu fördern. So beschreibt es der Historiker Guido Giacomo Preparata. Die Freundschaft kam auch im Verhalten der „Zentralbank der Zentralbanken“, der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel mit dem Amerikaner Thomas H. McKittrick an der Spitze zum Ausdruck. Über sie lief im Zweiten Weltkrieg die Finanzierung der deutschen Kriegsmaschinerie.

Der Historiker Antony Sutton hat ein Buch mit dem Titel „The best enemy money can buy“ (Der beste Feind, den man sich kaufen kann) verfasst. Es bezieht sich auf das Verhältnis der Amerikaner zur Sowjetunion, lässt sich aber auch auf die Beziehung der Amerikaner zu Hitler-Deutschland anwenden. Kriege sind für die Freunde des großen Kapitals ein perfektes Geschäftsmodell. Die Amerikaner kennen sich damit aus. Die Devise lautet: Feinde züchten, um sie im geeigneten Moment bekämpfen, womöglich besiegen und befreien zu können. Freunde werden zu Feinden. Feinde werden zu Freunden. Auf diese Weise lässt sich wunderbar Geld verdienen. Das zeigt sich immer wieder. Krieg und Kapital sind zwei Seiten einer Medaille.

Wie ging es dann mit der Freundschaft der Amerikaner weiter? Als das Ziel, Deutschland und die Sowjetunion gegeneinander in die Schlacht ziehen und sich gegenseitig schwächen zu lassen, erfolgreich in die Tat umgesetzt war, griffen die Amerikaner in den Krieg ein. Höhepunkt war dabei der Einsatz von Atombomben, mit dem die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki ausgelöscht wurden. Russlands Präsident Putin charakterisiert das Verhalten der Amerikaner wie folgt: „Damit haben sie übrigens einen Präzedenzfall geschaffen. Zusammen mit den Engländern haben die USA im Zweiten Weltkrieg ohne jedweden militärischen Zwang Dresden, Hamburg, Köln und viele andere deutsche Städte dem Erdboden gleichgemacht.“ In Köln wurden Wohnviertel zerbombt, aber die amerikanischen Ford-Werke, wo im Kölner Norden die Rüstungsproduktion für Hitler-Deutschland lief, blieben verschont. Auch Fulda wurde von den Amerikanern heimgesucht. Und es kam zur Katastrophe im Krätzbachtunnel.

An den beiden Enden des Krätzbachtunnels – östlich und westlich der Bahngleise des Verschiebebahnhofs von Fulda – soll es Gedenkstätten für die Opfer geben. Wer danach sucht und Passanten fragt, kann nicht mit einer Auskunft rechnen. Die Gedenkstätten scheinen nicht ins Bewusstsein der hier lebenden Menschen gedrungen zu sein. Doch es gibt sie – auf beiden Seiten (an der Mehlerstraße und der Heidelsteinstraße) jeweils ein Kanaldeckel und auf der Westseite (an der Mehlerstraße) zusätzlich ein Gedenkstein. Auf den Kanaldeckeln ist zu lesen: „Gegen das Vergessen! Hier verläuft der Krätzbachtunnel, in dem am 27.12.1944 im Bombenkrieg mehr als 700 Menschen ihr Leben verloren haben.“ Und auf dem Gedenkstein heißt es: „Am 27. Dezember 1944 starben 700 Menschen, die im Tunnel des Krätzbaches Schutz gesucht hatten, als Opfer des Bombenkrieges. Die Stadt Fulda gedenkt dieser Toten.“ Die Amerikaner als Urheber bleiben unerwähnt. Der Bombenkrieg bleibt ein abstraktes Wort. So lässt sich der Bombenkrieg auch der Sowjetunion zuordnen, die aber einen solchen nicht geführt hat.

Auf dem benachbarten Friedhof an der Heidelsteinstraße befindet sich ein Zwangsarbeitern gewidmetes Feld. Auf dem Gedenkstein am Rande des Feldes steht: „Hier ruhen ausländische Kriegstote, verstorben im Zweiten Weltkrieg 1939-1945, ihre Heimat war in Russland, Polen, Litauen, Lettland, Italien“. Auf einem der kreuzförmigen Steine lässt sich entziffern: „Stanislawa Zlakowscy, geboren 29.10.1904, gestorben 27.12.1944“. Wer ihren Tod verursacht hat, bleibt im Verborgenen. Weiter bachaufwärts in der Gemeinde Künzell befindet sich unmittelbar am Bachlauf eine Gedenkstätte, die auch auf der Umschlagseite des Buches „Fulda 1944 – Die Katastrophe im Krätzbachbunker“ von Günter Sagan abgebildet ist. Im Zentrum steht dort ein Geflecht von Kreuzen. Wem das Gedenken gilt, ist nicht erkennbar. Auch der aufgestellte Kranz gibt keinen Aufschluss. Die Gemeinde Künzell beschränkt sich auf die drei Worte „In stillem Gedenken“. Unsere Freunde, die Amerikaner, werden nicht erwähnt.

Online-Flyer Nr. 823  vom 27.12.2023

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