Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 73 von Mathias Bröckers

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 73

Dietrich Brüggemann hat über Twitter mal ein aktuelles Diskurskeulen-Bingo zur Verfügung gestellt, auf dem „umstritten“ selbstverständlich nicht fehlen darf, denn es ist auf jeden anwendbar, den ein anderer nicht gut findet. Argumente braucht es keine zum Umstrittensein. Streit ist ja oft genug einfach grundlos.

 

Notizen vom Ende der unipolaren Welt – 73

von Mathias Bröckers

Dietrich Brüggemann hat über Twitter mal ein aktuelles Diskurskeulen-Bingo zur Verfügung gestellt, auf dem “umstritten” selbstverständlich nicht fehlen darf, denn es ist auf jeden anwendbar, den ein anderer nicht gut findet.  Argumente braucht es keine zum Umstrittensein. Streit ist ja oft genug einfach grundlos. Sobald jemand zu mir sagt: “Dein Buch ist schlecht” bin ich schon ein “umstrittener” Autor. “Umstritten” ist insofern die sanfteste Waffe im Arsenal der Keulen, mit dem Debatten beendet werden  – noch keine gelbe oder rote Karte, aber ein Abseitspfiff. Es kann, wie wir seit den Videoschiedsrichtern wissen, hauchdünn sein, aber Abseits ist nun mal Abseits und wird abgepfiffen. Anders als beim Kampf um den Ball stehen beim Kampf um Aussagen und Argumente die Regeln nicht so eindeutig fest, ähnlich wie bei der “regelbasierten internationalen Ordnung” gelten sie nicht für alle und für immer. “Querdenker” zum Beispiel, vor einigen Jahren in Job-Annoncen noch überall gesucht wo es um Innovation und Kreativität ging, sind mittlerweile ein klarer Fall für die gelbe Karte – ein weiterer ungerader  Gedanke reicht und  Zack: Rot! Platzverweis! In die Ecke zu den Nazis und Verschwörungirren.

 

 

Im Fußball wurde der “Video-Schiedsrichter” eingeführt, um bei wichtigen Spielen “umstrittene” Szenen zu klären, im öffentlichen Diskursraum fällt diese Rolle neuerdings sogenannten “Faktencheckern” zu, eine Funktion, die es noch nicht gab, als ich bei Harry Pross im Publizistik-Seminar saß. Damals lernten wir, dass Journalisten ihre Fakten selbst checken und Zeitungen sie nicht in die Welt setzen, wenn sie nicht von mindestens zwei unabhängigen Quellen bestätigt sind.  Oder aber klar machen, dass es sich nicht um ein Faktum, eine bestätigte Tatsache, sondern um eine unverifizierte Behauptung handelt. Simple und klare Regeln, die einen “Faktencheck” überflüssig machen, weil der selbstverständlich integriert war. Beim “Spiegel” war man damals stolz auf die große “Dokumentationsabteilung”, die in jedem Artikel  Zahlen, Namen und Daten überprüfte und bisweilen auch noch mal bei der “Quelle” nachhorchten, ob das denn so stimmt, was der Reporter da berichtete. Damit ist es nicht erst seit Relotius  lange vorbei: Wenn das Narrativ stimmt, sind Fakten zweitrangig! Sie werden nur “gecheckt”, wenn sie der großen Erzählung zuwiderlaufen, die ihrerseits aber weitgehend faktenfrei daherkommen kann. Sie wird zur Tatsache, wenn sie ex cathedra, offiziell und von oben, auf allen Kanälen nur oft genug wiederholt wird. Und dafür gesorgt wird, dass Zweifel und Widerspruch – siehe Diskurskeulen- Bingo oben – unmöglich gemacht werden.
Wie man noch den Mund aufmachen und undiffamiert in den Frühling kommen kann, dafür hat Michael Andrick in der “Berliner Zeitung” dankenswerter Weise ein paar Handreichungen geliefert:

Fünf Merksätze reichten bei Redaktionsschluss aus, um nicht rechts zu sein:
1. Der russische Diktator will sein altes Reich zurück, das erklärt den Ukraine-Krieg erschöpfend.
2. Panzerlieferung an die nicht verbündete Ukraine ist gelebte Humanität und verkürzt ihren Krieg mit der 28-mal so großen, dreimal bevölkerungsstärkeren und dabei rohstoffreichsten Atommacht der Welt.
3. Wer für Verhandlungen statt Waffenlieferungen demonstriert, verlängert den Krieg und ist ein Feind der Demokratie.
4. Die Sanktionen ruinieren Russland, Europa aber überhaupt fast gar nicht.
5. Sagt Biden: „Wenn russische Truppen in die Ukraine einrücken, dann wird es keine Nord-Stream-2-Pipeline mehr geben. Wir werden sie dann beenden. Ich verspreche Ihnen, wir können das“ – und wird nach besagtem Einmarsch die Pipeline gesprengt, dann meint nur ein „Putin-Troll“, Biden hätte das angeordnet.

Mit einem von diesen Sätzen kommen Sie unbeschadet durch jede Debatte und sind auf jeden Fall klar auf der richtigen Seite. Weiterlesen bei mathias-broeckers.com

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