Ukrainische Militärführung: Westliche Intervention oder Niederlage Von Rainer Rupp

Die westlichen Interventionen und Kriegsantreiber und Selbstdarsteller Selenskyj wollen uns in den Dritten Weltkrieg treiben     Evelyn Hecht-Galinski

Ukrainische Militärführung: Westliche Intervention oder Niederlage

Laut Eigenwerbung des britischen Nachrichtenmagazins „The Economist“ erklären in der aktuellen Ausgabe „Wladimir Selenskij und seine Generäle, warum der Krieg in der Schwebe hängt“. Vor allem die Aussagen des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine, General Waleri Saluschny, sind interessant und werden nachfolgend analysiert.

Ukrainische Militärführung: Westliche Intervention oder Niederlage

Von Rainer Rupp

Laut Eigenwerbung des britischen Nachrichtenmagazins „The Economist“ erklären in der aktuellen Ausgabe „Wladimir Selenskij und seine Generäle, warum der Krieg in der Schwebe hängt“. Vor allem die Aussagen des Oberbefehlshabers der Streitkräfte der Ukraine, General Waleri Saluschny, sind interessant und werden nachfolgend analysiert.
Ukrainische Militärführung: Westliche Intervention oder NiederlageQuelle: Gettyimages.ru © Diego Herrera Carcedo/Anadolu Agency via Getty Images

 

„Der Winterkrieg“ lautet der Aufmacher auf dem Titelblatt der am 17. Dezember erschienenen Ausgabe des weltweit gelesenen Economist. Der Titel der Ausgabe spielt zwar auf den Krieg zwischen Finnland und der Sowjetunion zwischen 1939 und 1940 an, aber im Heft geht es hauptsächlich um drei Interviews „mit den Männern, die die Reaktion der Ukraine auf die russische Aggression gestalten“, so der Economist. Interviewt wurden neben Präsident Wladimir Selenskij und General Waleri Saluschny auch noch der Chef der ukrainischen Landstreitkräfte, General Alexander Sirski.

Noch vor Kurzem hatte sich das ukrainische Militärs gebrüstet, von den Russen Territorium zurückerobert zu haben und den Krieg zu gewinnen. Aber in den drei Interviews braucht man nicht sehr tief zwischen den Zeilen zu graben, um zu erkennen, dass zumindest die militärische Führung der Ukraine den Ernst der Lage erkannt hat und darüber sehr besorgt ist. Am deutlichsten hat das der bullige, selbstbewusste General Saluschny ausgesprochen, der – wie Pressefotos gezeigt haben – an einem metallenen Armband ein silbernes Hakenkreuz trägt.

Im Interview hat Saluschny ohne Umschweife erklärt, dass er

  • 700.000 Männer in Uniform hat, aber nur 200.000 von ihnen eine Kampfausbildung haben. Das ist genau das, was der US-Militärstratege Douglas McGregor vor Kurzem gesagte hatte, dass nämlich tatsächlich nur noch 190.000 Mann der ukrainische Armee kämpfen können.
  • Saluschny bestätigt auch, dass der ukrainischen Armee die Munition ausgeht.
  • Auch die schweren Waffen seien knapp geworden, und er brauche dringend 300 Panzer, 500 Artilleriegeschütze und 800 Schützenpanzer.
  • Mit den beiden Brigaden, die ihm zu diesem Zweck in der Region zur Verfügung stehen, könne er keine Offensive in Richtung Melitopol durchführen.
  • Er spricht davon, dass seine Armee blutet.
  • Er erklärt, dass „die russische Mobilisierung erfolgreich war, … dass das russische Militär seine Stärke gezielt und effektiv aufbaut“.
  • Er ist sich sicher, dass die Soldaten, die in Russland mobilisiert wurden, zweifellos kämpfen werden.
  • Er ist zudem überzeugt, dass die Russen bei Bedarf relativ schnell eineinhalb Millionen Mann zusätzlich mobilisieren können.
  • Und er ist sich sicher, dass es eine große russische Winteroffensive geben wird. Er glaubt offenbar, dass das im Februar passieren wird, während der ukrainische Verteidigungsminister Alexei Resnikow davon ausgeht, dass die russische Offensive bereits im Januar beginnt.

Weiter räumt Saluschny in dem Interview ein, dass er nicht weiß, woher diese Offensive kommen könnte, aber er scheint zu denken, dass der wahrscheinlichste Ort Weißrussland sein und die Offensive sich auf Kiew konzentrieren wird. Er akzeptiert jedoch, dass sie auch an allen möglichen anderen Orten beginnen könnte, einschließlich dessen, dass sie in die südliche Richtung gehen könnte.

Und dann sagte er etwas sehr Bemerkenswertes: Seine Streitkräfte kämpften immer noch, und es sei noch nicht der Moment gekommen, an dem er den ukrainischen Soldaten die Art von Ansprache halten müsse, die der finnische General Gustaf Mannerheim, Befehlshaber des finnischen Militärs im Winterkrieg, im März 1940 an seine Truppe gerichtet hatte, nachdem Finnland von der Sowjetunion besiegt worden war.

In dieser Rede hatte Mannerheim erklärt, dass Finnland von den Armeen einer Großmacht überwältigt worden sei und dass das eigene Militär nicht mehr in der Lage war, effektiven Widerstand zu leisten, weil die Sowjets an Soldaten, Waffen und Material zahlenmäßig haushoch überlegen waren. Hauptsächlich aber sei die verzweifelte Lage der Finnen deshalb entstanden, weil die von Großbritannien und Frankreich versprochene Hilfe nicht gekommen war.

Saluschnys Erwähnung von Mannerheims Rede im März 1940 war natürlich ein Wink mit dem Zaunpfahl an seine neokonservativen Unterstützer im Westen. Wenn der Befehlshaber des ukrainischen Militärs tatsächlich zugibt bzw. warnt, dass es womöglich schon bald in einer Situation sein könnte, in der er gezwungen sein wird, dasselbe zu tun wie General Mannerheim, und dem ukrainischen Militär erklären muss, dass all seine Opfer umsonst waren und die Ukraine den Krieg verliert oder bereits verloren hat, dann ist das ein vollkommen anderer Ton als die bisherigen Beteuerungen, dass der ukrainische Sieg über Russland immer unmittelbar bevorstand.

Dieser Teil des Interviews ist in der Tat ein Appell an den Westen. Er unterscheidet sich von den stereotypen Selenskij-Anrufen an westliche Führer, in denen der Präsidentenschauspieler ständig immer mehr Geld, mehr Waffen und nochmals mehr fordert. Saluschnys Appell ist subtiler. Er scheint anzudeuten, dass der westliche Stellvertreterkrieg der Ukraine gegen Russland an einer Weggabelung angekommen ist, bei dem sich die NATO und der kollektive Westen entscheiden müssen, jetzt voll und vorbehaltlos in den Krieg einzusteigen, oder der Krieg geht verloren.

Saluschny sagt nichts anderes, als dass die Ukraine verlieren wird, wenn sie so weitermacht wie bisher. Um die Lage zu retten, fordert er 300 Panzer, 500 Geschütze und 800 Schützenpanzer. Er will so ziemlich alles, was von der NATO noch übrig ist. Wenn er all diese Dinge bekäme, dann könnte er die Russen auf die Frontlinien vom 23. Februar 2022 (also auf die Positionen von vor der russischen Spezialoperation) zurückdrängen.

Unausgesprochen sagt Saluschny: Also, ihr lieben Leute im Westen, jetzt müsst ihr eure Worte mit immensen Taten untermauern, weil die Russen sonst nicht nur bis Kiew kommen, sondern auch ganz andere Dinge tun könnten. Allerdings weiß auch Saluschny, dass die westlichen Waffenlager leer sind und die NATO-Staaten nur das haben, was sie für ihre eigene Verteidigung brauchen. Außerdem könnten die ukrainischen Soldaten nicht schnell genug für eine effiziente Bedienung der westlichen Waffen angelernt werden.

Nun wurde in einem Kommentar zur zeitgleichen Veröffentlichung der Interviews mit den drei ukrainischen Spitzenkräften darauf hingewiesen, man dürfe die Bedeutung der Tatsache nicht übersehen, dass diese nicht in einem US-Magazin, sondern im britischen Economist erschienen sind. Der Grund könnte darin liegen, dass das britische Nachrichtenmagazin als der „Goldstandard neokonservativer Publikationen“ gilt.

Da die Neocons in den USA und Großbritannien die Haupttreiber hinter diesem Krieg in der Ukraine sind, mit dem Ziel, Russland zu ruinieren und in verschiedene Teile aufzuteilen, wendet sich das ukrainische Spitzen-Trio über den Economist direkt an seine neokonservativen Hauptsponsoren in Europa und den USA. Die Botschaft ist: Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem es für Europa und den kollektiven Westen Zeit ist, voll in den Krieg einzusteigen, sonst ist alles verloren.

Ein anderer Kommentar zum Saluschny-Interview erinnert an eine ähnliche Situation in der US-Geschichte. Im Jahr 1965 war die damalige US-Regierung unter Lyndon Johnson in Sachen Vietnam mit fast täglichen Warnungen der Falken konfrontiert gewesen. Diese hatten damals im Grunde dasselbe gesagt wie die Neocons heute: Seht her, wir müssen militärisch voll einsteigen, sonst verlieren wir in Vietnam! Und tatsächlich wurde kurz darauf eine halbe Million US-Soldaten nach Vietnam geschickt. Und Saluschny ziele mit seinem Interview in die gleiche Richtung, heißt es im Kommentar.

Allerdings haben die Neocons und ihre ukrainischen Schützlinge ein großes Problem: Sie sind Opfer ihrer eigenen Propaganda-Erfolge. Sie alle haben seit Wochen und Monaten gesagt, dass sie den Krieg gewinnen, sie hatten diese erfolgreiche Offensive in Charkow, sie hatten die erfolgreiche Offensive in Cherson, die Russen sind vor ihrer Millionen-Mann-Armee davongelaufen und all diese Dinge. Und jetzt müssen sie natürlich zurückrudern, weil die Realität sie einholt, und sie müssen eingestehen, dass die Dinge alles andere als rosig aussehen.

Verteidigungsminister Schoigu inspiziert Frontstellungen der russischen Armee

Tatsächlich sind sie weit davon entfernt zu gewinnen. Das Gegenteil ist der Fall. Das ist eindeutig die Botschaft dieses konzertierten Interviews im Economist. Es ist ein Versuch, von den Propaganda-Erfolgen wegzukommen, endlich einige dieser Realitäten anzuerkennen und westlichen Politikern sowie – in gewissem Maße – der westlichen Öffentlichkeit beizubringen, dass sie tatsächlich kurz davorstehen, den Krieg in der Ukraine zu verlieren. Der einzige Weg, wie sie es noch schaffen können, das Blatt wenigstens teilweise zu wenden, wäre, wenn es ihnen gelänge, USA und NATO mit in den Krieg zu ziehen.

Wenn wir auf Vietnam zurückblicken, hatten die USA auch gegeben, sie hatten eine halbe Million Soldaten geschickt und begonnen, Nordvietnam zu bombardieren, und noch jede Menge anderer krimineller Schweinereien verbrochen. Und am Ende hatten die USA trotzdem verloren. Und dass sie in Vietnam nicht gewinnen konnten, war von Anfang an klar, genau wie jetzt in der Ukraine.

Wie kann irgendjemand glauben, dass die Entsendung weiterer 300 Panzer, 500 Kanonen und 800 Schützenpanzer aus dem Westen irgendetwas in der Ukraine ändern würde, außer dass das Töten, vor allem von Ukrainern, verlängert wird? Außerdem ist es unmöglich für den Westen, Saluschnys Wunschliste an militärischer Hardware zu erfüllen. Denn die Berichte mehren sich, dass die Militärbestände weitgehend ausgeschöpft sind, insbesondere was die Munition für die Geschütze und Panzer betrifft.

Proteste in Berlin und Düsseldorf gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine

Die Menschen in Washington, London, Brüssel, Berlin und Paris beginnen zu erkennen, dass sie es in Russland mit einem Gegner zu tun haben, der scheinbar mühelos eineinhalb Millionen zusätzliche Soldaten aufbieten kann und der allein in den letzten Wochen 200 T-90-Panzer in den Donbass geliefert hat. Die Russen können jede westliche Eskalation vor ihrer Haustür jederzeit übertreffen.

Natürlich besteht dennoch ein großes Risiko, nämlich dass es nicht bei Waffen und Munition bleibt, die der Westen in die Ukraine schickt, sondern dass USA und NATO auch eigene Soldaten schicken, die die Waffen bedienen und vor Ort kämpfen, um die Niederlage der Ukraine zu verhindern. In Neocon-Kreisen wird dafür bereits offen geworben. Es sei der einzige Weg, den Zusammenbruch der Ukraine und damit den Verlust der globalen Vormachtstellung der USA zu verhindern. Diesen Hebel hat Saluschny mit seinem Interview mit dem Economist erfolgreich betätigt.

Die Botschaft an die Neocons im Westen war: Wenn ihr euren eigenen Machtverlust stoppen wollt, dann müsst ihr NATO-Soldaten mit Panzern, Artillerie und Schützenpanzern in die Ukraine schicken. Denn wie verheerend wäre der Prestigeverlust der USA als globale Schutzmacht, wenn Saluschny sich schon bald gezwungen sähe, das zu tun, was General Mannerheim im März 1940 getan hatte, nämlich vor der Weltöffentlichkeit zu erklären, dass er seinen ukrainischen Truppen habe sagen müssen, dass alle Opfer vergeblich waren, weil der Westen seine Versprechen nicht gehalten hat.

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