JAZZ 10_25
Was treibt sie an?
Jürgen Scherer
- März 2025
Ein Blick auf mögliche Motive für den grassierenden Bellizismus führender PolitikerInnen in Europa
Was mag sie wohl antreiben, all diese Bellizisten, Militaristen, Kriegsgeilen in einem Europa, das schon zweimal verheerende Verwüstungen erlebt hat und eigentlich wissen müsste, dass Kriegerei keine humane Option ist im Miteinander der Völker?
Diese Frage stellt sich wohl jedem vernünftigen Menschen, der nicht nur die Vergangenheit unseres Kontinents vor Augen hat und seit der Verleihung des Friedensnobelpreises an die EU glauben durfte, die gedeihliche Zukunft in einem blühenden Europa sei für die kommenden Generationen gesichert.
Und jetzt das: Seit dem provozierten, unbedachten und völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine tanzen die Bellizisten immer unverhohlener auf dem Vulkan eines Dritten Weltkrieges. Jegliche Vernunft, Diplomatie und Politik des Verstehens und der Verständigung wird auf diesem Altar geopfert. Überaus deutlich zeigt sich dies seit dem Machtwechsel in den USA. Konnten sie uns zuvor noch in dem Glauben lassen, sie handelten als Vasallen des Großen Bruders, zeigt sich nun, dass sie eigentlich schon die ganze Zeit insgeheim auf dem zerstörerischen Kriegspfad gegenüber Russland waren. Wir hätten es wissen können; schließlich hat ja die Kriegsmitbetreiberin Baerbock von Anfang an gesagt, man wolle Russland ruinieren und im Verein mit der EU darauf hingearbeitet.
Welch eine Hybris!
Was ist da bloß los?
Dass die Falken unter den Militärs, die sowieso schon lange mit den Hufen gescharrt hatten, plötzlich Oberwasser bekamen, als der „alt-böse Feind“ gegen die Ukraine loslegte, mag ja noch nachvollziehbar sein. Aber dass anscheinend Urängste in Bezug auf Russland an die Oberfläche der europäischen Gesellschaften gespült wurden, die dann alle möglichen Bellizisten auf den Plan riefen, ist schon mehr als erstaunlich.
Wie mag sich so etwas erklären?
Da kann man mit Blick auf die Geschichte nur mutmaßen.
Allerdings mit m.E. plausiblen Wahrscheinlichkeiten:
Zunächst einmal sind da die Alten, die am Ruder waren resp. sind; in Europa an maßgeblicher Stelle Frau von der Leyen, ein Kind des „Kalten Krieges“ und groß geworden im Widerstand gegen die Brandt’sche Friedenspolitik, also mit antikommunistisch-antirussischen Ressentiments und schon sehr zuverlässig-militaristisch als „Panzeruschi“ in unserem Land unterwegs, als sie sich noch als Verteidigungsministerin unter Merkel im „Männerverein des Verteidigungsministeriums“ bewähren musste. Insgesamt bringt sie also gute Voraussetzungen im Hinblick auf das Feindbild Russland mit, was sie ja auch tagtäglich als EUkommissionspräsidentin, wider den Geist des Friedensnobelpreises, unter Beweis stellt.
In unserem Land sind das einerseits die ebenfalls im „Kalten Krieg“ sozialisierten Politiker Scholz und Pistorius von der SPD, für die Brandt anscheinend nur eine verirrte Episode war, und natürlich der vermutlich nächste Bundeskanzler Merz.
Dass allerdings auch die „jungen Leute“ von den Grünen und der FDP zu den RusslandhasserInnen gehören, bedarf schon einer Erklärung.
Eine mögliche ist, dass sie das Narrativ ihrer Großeltern verinnerlicht haben, das von den „bösen Russen“, den „gefährlichen Bolschwiken“ und den „schlimmen Kommunisten“; all diesen Konsorten sollte letztlich nicht vertraut werden – außer vielleicht dem „lieben Gorbatschow“. Aber den gibt es ja nun nicht mehr.
Fazit: Die Gefahr kommt weiterhin aus dem Osten!
Außerdem, so ein weiteres Narrativ, welches uns tagtäglich angeboten wird, sei ja die „SED-Diktatur“ auch nicht vom Himmel gefallen. Und so kann die schon in der DNA unserer Republik angelegte Furcht vor dem, was Kommunismus bzw. Sozialismus genannt wird, sorgfältig gepflegt von „glaubwürdigen Zeugen“ wie Herrn Gauck, weiterhin fröhliche Urständ feiern – bis in die politische Verantwortung der jungen Politikergeneration hinein. Parole: Dem Russen ist nicht zu trauen.
Dass allerdings Frau Merkel zugegeben hat, dass das Abkommen Minsk II nur abgeschlossen wurde, um der Ukraine Zeit für Aufrüstung zu geben, nicht um es umzusetzen, zeigt, wie hohl die Parole ist von dem Russen, dem man nichts glauben kann.
Ein weiteres Negativnarrativ im Hinblick auf Russland bringen die osteuropäischen Länder des Baltikums, Tschechiens, der Slowakei, Rumäniens Polens usw. ins Spiel. Ihre durchweg negativen, zum Teil traumatischen Erfahrungen mit den Sowjetischen Regierungen konnten durch das kurze Glasnost und Perestroika Zwischenspiel Gorbatschows nicht geheilt werden. So nimmt es nicht wunder, dass die erlittenen Traumata aus sowjetischen Zeiten durch den Krieg Russlands mit der Ukraine wieder an die Oberfläche gelangten und ihre misstrauisch-wütende Politik gegen Russland ein nicht unwesentlicher Faktor im Konzert der EU Staaten ist. Die EU sollte sich aber eigentlich nicht vor diesen verständlichen Angstkarren spannen lassen. Dass sie es aber zu großen Teilen doch tut, erklärt sich nicht zuletzt aus der jahrzehntelang und auch heute noch gepflegten Kommunistenfurcht in ganz Europa.
Alles kalter Kaffee, könnte man sagen. Schließlich ist der „Kommunismus“ durch sein kurzes Zwischenspiel als „Realer Sozialismus“ derart in Verruf geraten, dass von dieser Warte überhaupt keine Gefahr besteht, zumindest auf absehbare Zeit nicht. Außerdem ist Russland inzwischen ein genauso kapitalistischer Staat wie die USA, China, Israel und so weiter. Von „Kommunismus“ keine Spur!
Die Irrationalität dieser ideologisch grundieren Ängste lässt sich also vor allem Dingen aus der Vergangenheit erklären und in dieser gehörten die Russen schon immer zur Gefahr aus dem Osten. Als Befreier im Zweiten Weltkrieg wurden sie nie so richtig gesehen, auch wenn die SU die größte Last im Kampf gegen Nazideutschland geschultert hat. Der „Reale Sozialismus“ der sowjetischen Regierungen bot eben ein zu gutes Feindbild, als dass es damals eine „gerechte Beurteilung“ dieses Landes hätte geben können.
Folge: Die Bösen im Osten, die Guten im Westen.
Ein Weltbild, das durch die Gorbatschow-Episode und die damit einhergehende Vereinigung Deutschlands nur kurz erschüttert wurde, aber nicht nachhaltig wirken konnte, weil die kapitalistischen Staaten, es nicht so gerne sehen, wenn nicht alle nach ihrer Pfeife tanzen, allen voran die USA. Es galt, vermittels der Fahne von Freiheit und Selbstbestimmung, dem unbotmäßigen Russen zu zeigen, wo der Hammer hängt.
Unklugerweise (Oder sollte man sagen, systembedingt, weil es um kapitalistische Vorherrschaft geht?) wurde dabei die militärische Variante gewählt: Drohkulissenaufbau für den angestrebten Kotau; ohne Rücksicht auf die Sicherheitsinteressen Russlands, die selbst der ehemalige Krieger Kissinger angemahnt hatte.
Was aber macht jemand, der sich derart erpresst fühlt: Entweder er gibt nach oder er wehrt sich, wenn er kann; holt seine Pfeile aus dem Köcher! Russland folgte wohl notgedrungen der zweiten Variante, da die „Erpresser“ nicht bereit waren, einen akzeptablen Deal einzugehen.
Und schwuppdiwupp hatte sich wieder einmal „bewiesen“: Die Gefahr kommt aus dem Osten. Alle ideologischen Ladenhüter und Verblendungen konnten über die Brandmauern hüpfen und treiben mal wieder ihr Unwesen; zu unser aller Schaden!
Denn der derzeitige Rüstungswahn, dessen Finanzierung noch mal schnell mit dem alten Bundestag über die Bühne gebracht wurde, macht nicht allein die Weltlage gefährlicher, er wird unser Land zum Negativen verändern; hin zu einer Republik, die leider einmal bereit sein wird, Kriege zu führen, gegen wen auch immer und wo auch immer. Auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder, auf Kosten unserer demokratischen Gesellschaft und im Interesse einer Elite, die unverantwortliche Ziele in der Welt durchsetzen will.
Antreiben sollte diese PolitikerInnen vielmehr das Folgende:
Wir brauchen weder eine Republik noch ein Europa, die unter fadenscheinigen Gründen in der Welt herumbellizisieren, sondern PoltikerInnen, bei denen wir darauf vertrauen können, dass sie die Werte umsetzen, die friedliche demokratische Gemeinwesen ausmachen: Gute Bildung mit der Zielsetzung aufgeklärt mündiger BürgerInnen, gerechte Vermögensverteilung zur Bekämpfung von Armut und Diskriminierung, friedenstaugliche Menschen mit dem Willen und der Fähigkeit zu Toleranz und Meinungsaustausch, Bereitschaft zur Verständigung der Völker untereinander und nicht Ausgrenzung und Besserwessierei(!).
Nicht dazu gehören all die Spielchen zur Machteroberung und zum Machterhalt, die der persönlichen Selbstdarstellung und Selbstbefriedigung dienen, meist unter dem Deckmantel der Fürsorge und des Notwendigen.
Diskurs und Diplomatie heißt das Gebot der Stunde, nicht Angstmacherei und Diktate über unser aller Köpfe hinweg!
Eine gute Voraussetzung dafür wäre u.a., dass sich die Gewählten und Regierenden mit ihren eigenen teilweise überholten, teilweise unnötigen Ängsten auseinandersetzen, statt sie bewusst oder unbewusst auf uns zu übertragen oder herbeizumanipulieren und dass sie sich nicht von verdeckten Kapitalinteressen leiten lassen.
Wo ist der Narr aus königlichen Zeiten (in der heutigen Zeit müsste es vielleicht ein Ombudsmensch für basisdemokratisches Gespür sein), der den sich auserwählt Glaubenden, wann immer notwendig, ins Ohr flüstert:
„Bedenke, dass Du ein vernunftbegabter Mensch bist! Du musst Dich niemandem unterwerfen: weder den Interessen irgendwelcher Kapitalfraktionen noch den Welteroberungsbellizisten noch irgendeiner Gier nach Macht und Geld.
Strebe nach Frieden und lasse Vernunft dabei walten!“
Frei nach Kästner: Es gibt nichts Gutes außer man tut es!
Es gibt wohl die Doppelstrategie des tiefen Staates der USA: Trump wird benutzt, um die USA aus Sicherheitsgründen ein gutes Stück aus dem Ukrainekrieg heraus zu halten, die Fäden in die europäische Politik werden genutzt, um die Europäer tiefer in den Krieg zu stoßen, damit EU-Europa und Russland sich aneinander aufreiben.
Dazu: https://www.sicht-vom-hochblauen.de/europaeische-politik-und-medien-gekauft-erpresst-bedroht-oder-hirnlos-von-andreas-schlueter/
Herzliche Grüße