Tiefbewegte Scham und Trauer Moshe Zuckermann

Dank an Moshe Zuckermann für die Genehmigung seinen neuen, heute auf Overton-Magazin erschienenen Kommentar, auf der Hochblauen Seite zu übernehmen. Evelyn Hecht-Galinski

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Tiefbewegte Scham und Trauer

Albert Einstein, 1947. Bild: Oren Jack Turner, Library of Kongress/ public domain

1952 wurde Albert Einstein angetragen, israelischer Staatspräsident zu werden. Von dem, was Israel ihm damals war, ist 2025 kaum etwas übriggeblieben.

 

Im Jahre 1952 wurde Albert Einstein das Amt des israelischen Staatspräsidenten angetragen. Tiefbewegt lehnte er das Angebot ab, hob aber zugleich hervor, dass er auch traurig und beschämt über diese Absage sei. Das war 1952. Und heute? Wie würde Einstein heute, im Jahre 2025, reagiert haben?

Er hätte gewiss das Angebot noch immer abgelehnt, heute erst recht. Tief bewegt wäre er vielleicht auch noch gewesen; man ist es bei solchen Angeboten immer: das bisschen Narzissmus darf sich selbst ein Genie leisten. Aber traurig und beschämt wäre Einstein heute vermutlich über etwas ganz anderes gewesen – und dies allein lässt es schon mehr als fraglich erscheinen, ob ihm der Staat Israel die Staatspräsidentschaft überhaupt erst angetragen hätte. Im Jahre 1952 war Einstein über das Angebot des Staates Israel im Namen eines Judentums tief bewegt, in dessen Namen er heute über den Staat der Juden traurig und beschämt gewesen sein dürfte. Man muss kein Einstein sein, um so zu fühlen.

 

Was Einstein zum gegenwärtigen Krieg Israels gegen die Hamas gesagt hätte, kann man nicht mit Sicherheit wissen. Wir wissen indes, dass er eine pazifistische Grundhaltung vertrat, was sich seinem Briefdialog mit Freud “Warum Krieg?” (1933) entnehmen lässt. Bereits 1914 unterschrieb er einen Aufruf gegen den Krieg. Berühmt geworden ist sein Diktum: “Ich bin nicht sicher, mit welchen Waffen der dritte Weltkrieg ausgetragen wird, aber im vierten Weltkrieg werden sie mit Stöcken und Steinen kämpfen. Was mich erschreckt, ist nicht die Zerstörungskraft der Bombe, sondern die Explosionskraft des menschlichen Herzens zum Bösen.” Und doch erkannte er die historische Notwendigkeit, die Nazis kriegerisch zu bekämpfen.

Als man an ihn 1952 mit dem Angebot herantrat, israelischer Staatspräsident zu werden, hätte er schon wissen können, dass die zionistische Staatsgründung mit einem an den Palästinensern begangenen historischen Unrecht einhergegangen war. Dass er bei der Absage nach eigenem Bekunden “tiefbewegt” war, wird wohl mit der den europäischen Juden widerfahrenen Shoah zusammengehangen haben. Sieben Jahren nach der Befreiung von Auschwitz gab es kaum Juden, denen die Gründung eines Judenstaates nicht naheging. Das Anerbieten, Präsident dieses Staates zu werden, war da nicht nur eine Ehre, sondern hatte in der Tat etwas Bewegendes an sich. Aber was ist davon im Jahr 2025 übriggeblieben? So gut wie nichts, und die Gründe dafür, dass dem so ist, sind in sich ein Verrat am Auschwitz-Gedenken. Es hätte Einstein zur Ehre gereicht, das Angebot des Staates Israel, der zu dem verkommen ist, was er heute ist, nicht anzunehmen.

 

In den vergangenen zwei Jahren musste ich besonders oft an Esther Bejarano denken. Sie, die Shoah-Überlebende, die nach 1945 nach Palästina emigriert war und in Israel eine Familie gründete, hielt es mit ihrem kommunistisch gesinnten Mann im zionistischen Staat 15 Jahre aus und kehrte 1960 nach Deutschland, ihrem Geburtsland, zurück. Aber gerade das Israel, dem sie lebensgeschichtlich den Rücken gekehrt hatte, ließ sie nicht mehr los. So erging es den meisten Shoah-Überlebenden: Entweder sahen sie im zionistischen Land ihre persönliche “Erlösung” vom durchlebten Horror als Juden und solidarisierten sich mit ihm bedingungslos, gleichsam in Anerkennung der historischen Notwendigkeit einer Staatsgründung von und für Juden. Oder aber sie sahen im zionistischen Staat, der die Legitimation seiner Gründung nicht zuletzt von der den Juden widerfahrenen Genozidkatastrophe ableitete, gerade den Widerspruch zur “Lehre”, die sie selbst aus dem Holocaust gezogen haben – namentlich in den Auswirkungen des historischen Unrechts, den der Zionismus an den Palästinensern bereits 1948 begangen hatte, und in der israelischen Politik ihnen gegenüber, die nach 1967 im barbarischen Okkupationsregime und der systematischen Knechtung des palästinensischen Kollektivs mündete.

In Erinnerung blieb mir ein Bild von Esther aus dem Jahr 2015, auf dem sie auf der Bühne stehend zu sehen ist, während ihr Sohn Joram und der Musiker Kutlu Yurtseven von der Band “Microphone Mafia” ein Transparent mit der Inschrift “Nie wieder Krieg!” über ihren Kopf schwingen. Im Laufe des (noch immer nicht beendeten) Gazakriegs, fragte ich mich oft, wie wohl Esther auf ihn reagiert hätte, wenn sie noch am Leben gewesen wäre. Denn zum einen hätte auch für sie, die in ihrem Leben Schreckliches am eigenen Leib hatte erfahren müssen, der 7. Oktober das blanke Entsetzen ausgelöst. Zum anderen hätte der in Reaktion darauffolgende Rache- und Vergeltungskrieg der Israelis, der sich zunehmend zu einem Vernichtungskrieg steigerte und Tod, Elend, Zerstörung und Verwüstung unbeschreiblichen Ausmaßes bewirkte, Esthers Erschütterung und Bestürzung heraufbeschworen.

Überrascht wäre sie aber von dieser Gewalteskalation wohl kaum gewesen. Das “Nie wieder Krieg!”, das sie zur Parole erkor, bezog sich ja gerade darauf, dass ihr sehr wohl bewusst war, dass das Beschworene einem Wunschdenken entsprang und eher eine Gesinnung repräsentierte, als eine anstehende Realität dokumentierte. Esther war zu politisch, um ignorieren zu können, dass der historische Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sich mitnichten auf der Bahn seiner politischen Lösung befinde. Schon gar nicht bei der gegenwärtigen israelischen Regierung, der rechtsradikalsten und Faschismus-affinen der gesamten israelischen Parlamentsgeschichte.

Aber selbst sie (wie viele ihrer Gesinnungsgenossen, ich eingeschlossen) hätte wohl nicht ahnen können, dass kahanistische Terroristen und messianisch beflügelte Rassisten an den Schalthebeln des zionistischen Staates sitzen würden, mit einem verbrecherischen Premierminister verbündet, dem wegen Korruption, Betrug und Veruntreuung der Prozess gemacht wird, und der, um seine Macht und Herrschaft zu erhalten, einzig seine persönlichen Interessen verfolgt, die er unentwegt über die Interessen des Staates und die Belange der israelischen Gesellschaft stellt. Auch ihr wäre nicht die Möglichkeit in den Sinn gekommen, dass der zionistische Staatsführer die Loslösung der in Hamas-Gefangenschaft elend verendenden israelischen Geiseln mit Vorbedacht systematisch vereiteln würde. Gewusst hätte Esther aber auf jeden Fall, und zwar schon seit langem, dass der zionistische Staat, der eben gerade in Kategorien von Immer-wieder-Krieg und militaristischem Ethos des “totalen Sieges” denkt und handelt, nicht das historische Versprechen einzulösen vermag, den Juden eine sichere Zufluchtsstätte vor der “Welt” zu bieten.

Glücklich wäre Esther Bejarano darüber nicht gewesen, recht behalten zu haben mit all ihren humanistischen und friedensbewegten Befürchtungen, Prognosen und Anmahnungen. Am 15. Dezember 2024 wäre Esther 100 Jahre alt geworden. Vielleicht ist es gut, dass sie diesen Geburtstag nicht mehr begehen konnte, dass ihr also die letzten zwei Jahre mit allem, was sich in Israel und Palästina zugetragen hat, erspart geblieben sind. Und dennoch, wie schön wäre es gewesen, ihr zu diesem Jubiläum gratulieren zu können und es mit ihr gemeinsam feiern zu dürfen – und sei es im Sinne dessen, was sie ein Leben lang als Grundidee vertrat und um deren Verwirklichung unentwegt mit Emphase stritt: die in Freiheit begründete Emanzipation der Menschen.

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